Co-Working im Container: Minibüros in Belgien

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Text: Nina C. Müller
Foto: Tim van de Velde

Das Thema Homeoffice liegt im Trend. Doch, was sich verlockend lässig anhört – arbeiten in Jogginghose, auf dem Sofa oder im Café –, braucht in Wahrheit echte Disziplin und eine ausgeklügelte Work-Life-Balance. Schnell wird klar: Die gewohnte Struktur eines stationären Büros hat durchaus ihre Vorteile. Was hingegen wäre, wenn das Büro flexibel wäre? Wenn man es an jedem beliebigen Ort in der Stadt oder auf dem Land aufstellen könnte? Das fragten sich die Architekten des belgischen Studios Toop und entwarfen ein Lösungskonzept mit echten Mehrwerten.

Wie kann man flexible Büroräume schaffen? Wie sollte ein Raum mit seiner Umgebung interagieren, und wie kann man sich als Architekten einer potentiellen Kundschaft präsentieren? Das  fragten sich unter anderem die Planer Laurent Temmerman und Jens Theuwen vom flämischen Architekturstudio Toop. „Wir benötigten mehr Arbeitsfläche für zwei unterschiedliche Standorte, und so versuchten wir, Antworten auf dringende Fragen unserer Zeit zu liefern.“ Auch die Themen Wiedererkennungswert und Skalierbarkeit trieb sie um – typisch für heutige Architekturbüros. Eher untypisch fiel die Antwort aus.

Erfindergeist 
Kaum mehr kann man sich einen Hafen ohne Container vorstellen. Doch bevor Malcolm McLean Mitte im letzten Jahrhunderts die Transportboxen erfand, wurden Waren in Säcken und Kisten bewegt. Ein mühsamer und kleinteiliger Prozess, oft verbunden mit langen Warteschleifen. Erst mit der Erfindung des US-amerikanischen Spediteurs konnte der Transport in standardisierten, stählernen Kästen beginnen – und mit ihm die Globalisierung. Inzwischen werden Millionen von Containern – hocheffizient und vollautomatisiert – rund um den Globus bewegt. Dass diese schlichten Boxen auch der Arbeitswelt dienen können, überrascht. Dabei bieten sie gleich mehrere Vorteile: „Man bekommt sie in diversen Größen, wodurch sie sich für verschiedene Orte eignen. Außerdem lassen sie sich leicht transformieren“, erklären die Architekten.

Büro mit Identität
Konkret heißt das eine flexible Aufteilung des Raums. Öffnungen können an diversen Stellen vorgesehen werden, ohne dass das visuelle äußere Raster gestört wird. Hier liegen weitere Vorzüge: Sie hätten „eine starke formale Identität“, so Theuwen und Temmerman. Das liegt vor allem an den wiedererkennbaren Dimensionen der simplen, kostengünstigen Boxen. Für ihre Büros wählten die Planer zwei handelsübliche Exemplare, eines mit 23, das andere mit 30 Quadratmetern Fläche.

Während ihre Grundidee aus so weltlichen Kontexten wie dem Handel kommt, stammt eine weitere gestalterische Inspiration aus religiösen Zusammenhängen. Die Zweiteilung leitet sich ab vom sogenannten Diptychon, ein Gemälde oder eine Relieftafel zum Aufklappen. Im Fall der Büros ermöglicht diese Gliederung flexible Raumaufteilungen und rhythmische Fassadengestaltungen, die die Umgebung miteinbeziehen können. Sinnvoll, da eines der beiden Büros für ein typisches Reihenhausgrundstück im Stadtzentrum entworfen wurde und sich das andere einer ländlichen Umgebung anpassen sollte.

Spieglein, Spieglein
Seine Hülle aus verspiegeltem Aluminium reflektiert einen nahegelegenen Hügel und einen kleinen Wald am Ende der umliegenden Wiese. „Auf diesem schönen Grundstück strebten wir ein möglichst unsichtbares Büro an, das die Landschaft für sich sprechen lässt“, sagen die Belgier, die die Natur auch im Innenraum den Ton angeben ließen. Hier wurden alle Wände mit Meranti-Sperrholz verkleidet. Die rötliche Färbung des tropischen Laubholz verleiht dem Büroraum eine warme Atmosphäre und, trotz der geringen Anschaffungskosten, eine edle Maserung auf Böden, Wänden und Decken.

Für die Ausstattung dieses ländlichen Container-Offices wählten die Architekten eine formreduzierte Sprache sowie multifunktionale und skulptural geformte Möbel wie einen runden Tisch aus Naturstein oder Stühle von Arne Jacobsen und Verner Panton. Ein Bücherregal fungiert gleichsam als Auslage für Architekturmodelle und als Memo-Tafel. So sorgen die Planer für eine natürliche, formal einheitliche Anmutung des gesamten Interiors, das nicht von den attraktiven Aussichten ablenkt.

Dieses Konzept des Raumlabors könnte leicht auf andere Orte adaptiert werden, kommentieren Temmerman und Theuwen ihre Entwürfe. Dann wäre auch ein Triptychon oder gar ein Polyptychon, also eine mehrteiliges Objekt, denkbar. In jedem Fall zeigen diese Beispiele, dass auch kleine Räume vielseitig anwendbar und höchst funktional sein können. Toop macht vor, was den Hafentransport und den Welthandel revolutioniert hat, kann auch in der Arbeitswelt nicht verkehrt sein. Also: volle Kraft voraus, kleine Räume!

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