Cool statt kitschig

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Text: Judith Jenner
Foto: Brigida González

Steingutkrüge und hölzerne Weinkisten sucht man in der Firmenzentrale des Online-Weinhändlers Videli in Stuttgart vergeblich. Stattdessen gestalteten Hippmann Architekten gemeinsam mit Projekttriangle einen reduzierten Betonriegel mit cooler Event-Location.

Per Mouseklick zum Markenwein – so das Konzept von Videli. Das Ehepaar Sabine Harms und Oliver Schmid betreibt seit zehn Jahren den Online-Shop für Weine in Stuttgart, der aus einem traditionsreichen Weingroßhandel hervorgegangen ist. Doch anstatt ausschließlich im luftleeren Raum des World Wide Web zu agieren, wünschten sich die erfahrenen Weinkenner einen stationären Anker für ihre Geschäftsidee, zum einen als Zentrale für die Logistik und die fünf Mitarbeiter, zum anderen für ihre Kunden. Sie können ihre Bestellungen am neuen Firmensitz direkt abholen oder die Weine im Club Traube verkosten.

Beton-Monolith am Un-Ort
Schon von der Autobahn aus fällt der Betonriegel auf dem einstigen Schlachthofareal im Stuttgarter Osten ins Auge. Eigentlich ein „Un-Ort“, gelegen zwischen Autohaus, U-Bahngleisen, Getränkemarkt und Gaskessel, stellte die Umgebung eine besondere Herausforderung für Bauherren, Architekten und Interior Designer dar. Anstatt mühsam zu kaschieren, setzt der Bau aus Beton-Fertigteilen in Sandwichbauweise auf Offenheit: Zwischen Großraumbüro, dem 800 Quadratmeter großen Weinlager oder der Packzone eröffnen vereinzelte Durchblicke Perspektiven auf die Arbeiten der jeweiligen Abteilung. Erscheinen die quadratischen Fenster von außen willkürlich in ihrer Anordnung, entpuppen sie sich von innen als gerahmte Panoramen der umliegenden Landschaft.


Einrichtung ohne Kitsch
Als „die Herzkammer unseres Unternehmens“ bezeichnet Sabine Harms den Club Traube –  „der Raum, in dem wir uns treffen, nachdenken, Weine verkosten, Spaß haben, Gäste empfangen, feiern und Veranstaltungen ausrichten“, sagt sie. Bei der Einrichtung verzichteten Hippmann Architekten und die Corporate Design-Agentur Projekttriangle gänzlich auf Kitsch und setzten die minimalistische Corporate Identity konsequent in den Innenräumen fort. Vor den betongrauen Wänden heben sich Möbel aus Holz, Messing und mit dezenten Bezügen ab. Sessel, Schreibtische auf Eiermann-Gestellen von Richard Lambert, die Küche mit dem großen Natursteinblock als Tresen sowie Stahlmöbel und Hochtische sind Eigenentwürfe der Architekten. Von dem Künstler, Grafikdesigner und Fotografen Martin Grothmaak, einem der Gründer von Projekttriangle, stammen die Installationen katzen, pisse und der goldene Schriftzug club traube.

Dank der engen und uneitlen Zusammenarbeit zwischen Architekten und Designern entstand ein außergewöhnliches Stück Corporate Architecture, das die CI von Videli authentisch bis in die Büroräume denkt und somit ein gelungenes Gesamtkonzept erschafft.

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