Das Ende der Design-Küche?

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Text: Claudia Simone Hoff
Foto: Hartmut Nägele

Fragen Sie sich auch manchmal, wem die auf Hochglanz polierten Küchen gehören, in denen alles zum Kochen Notwendige hinter Edelstahl- oder Edelholztüren – natürlich mit verdeckten Griffen! – versteckt wird? Und was passiert in diesen Küchen, wenn wirklich einmal gekocht, gekleckert und gegessen wird? Ist nicht in Wirklichkeit die Sehnsucht nach einer Küche, in der wirklich gelebt und dementsprechend die Perfektion ausgeschlossen wird, viel höher als nach angeblich so durchdachten, steril anmutenden Designküchen? Vielleicht mag dieses im Showroom des jeweiligen Küchenherstellers eindrucksvoll wirken, aber eignet es sich wirklich für den Kommunikationsraum Küche? Mike Meiré liefert den Gegenentwurf.
“Minimalismus ist eine Strategie, das Leben außen vor zu lassen.“
Mike Meiré, der zu diesem Ergebnis gekommen ist, ist Initiator und Kurator der „Dornbracht Culture Projects“. Die Küche als Design-Showroom bedeutet für ihn Einschränkung statt Luxus. „The Farm Project“, entstanden im Rahmen der „Dornbracht Edges“, ist sozusagen der Gegenentwurf zur durchgestylten minimalistischen Küche, Aushängeschild einer zeitgeistigen Lebenshaltung. Und auch eine Antipode zur „Frankfurter Küche“, in der die Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky in den 1920er Jahren alles dem Gesetz der Rationalisierung unterworfen hatte, mit dem Resultat, dass in der Küche fortan nur noch Platz für eine Person war: die Hausfrau. Gemeinsam kochen oder gar zusammen essen kann man in solch einer kleinen Küche freilich nicht.
Schweine grunzen, Schafe blöken
Die Küche von Mike Meiré wirkt auf den ersten Blick so einladend und heimelig, dass man am liebsten gleich anfangen würde zu kochen. Es gibt Unmengen von Details zu entdecken, einem barocken Stillleben ähnlich fügen sie sich zusammen: Hier werden die Sinne angeregt, es darf gefühlt, gehört, gesehen, gerochen und geschmeckt werden. Zutaten wie Gemüse und Salat, Gewürze, Küchenutensilien wie Töpfe, Pfannen, asiatische Teekannen und bunt dekoriertes Porzellangeschirr stapeln sich ganz unprätentiös in offenen Regalen oder hängen von der Decke herab. Hier rückt alles in Greifnähe, nichts ist hinter Schranktüren oder in Schubladen versteckt. Aufwändige Einbauküchengeräte wurden eingespart, denn mal ehrlich: Wer braucht schon einen elektrischen Dampfgarer? So hatte sich bereits Otl Aicher die Küche vorgestellt, wie er in seinem Buch „Die Küche zum Kochen. Werkstatt einer neuen Lebenskultur“ aus den 1980er Jahren beschreibt. Für ihn hatte die Küche einen Werkstattcharakter und so sollte sie auch aussehen. Aicher ging es vor allem um eine offene Küche, deshalb auch seine Begeisterung für ländliche Küchen. Was er unter der „Küche von einst“ – womit er die Küche auf dem Land meint – versteht, trifft auch auf das Farm-Projekt von Mike Meiré zu: „In [der Küche] wurde nicht nur die tägliche Mahlzeit vorbereitet, man knetete und backte sein eigenes Brot, fertigte die eigenen Kerzen für den Winter, man pökelte und salzte Fleisch ein, hobelte jede Menge Kraut, rührte Marmeladen […]. Man schlachtete Kleintiere in der Küche, […] stellte eigene Teigwaren her […], kochte sein eigenes Bohnerwachs und die eigene Seife.“
Die Küchen-Installation von Mike Meiré, bisher von Dornbracht auf verschiedenen Events wie der Mailänder Möbelmesse und der „imm“ in Köln vorgestellt, geht konzeptionell aber noch weiter. Der Name suggeriert es bereits: Hier kommt Bauernhof-Feeling auf. Assoziation weckt bereits das Spitzdach des kleinen „Hauses“, das mit Sperrholzplatten, Kupferblechen, Filzen und verschiedenen Kunststoffen verkleidet wurde. Außerhalb dieses kleinen „Stalls“, der den Küchenraum beherbergt, grasen Schafe und Schweine suhlen sich im Dreck, ein Zitronenbaum blüht vor sich hin. Auch Strohballen, Zinkeimer und Mistgabeln fehlen nicht. Hier ist alles im Fluss, ein Werden und Vergehen, Veränderung. Die Verbindung von Küche und Essen bzw. Essenszubereitung wird ganz direkt gezogen, vom Anfang der Nahrungsmittel-Verwertungskette bis zum Ende – keine Entfremdung mehr durch genmanipulierte Lebensmittel, Gammel-Fleisch und ähnlich unappetitliche Ungeheuerlichkeiten aus der Welt des Essens im Jahr 2008.
Die Idee: “Von Max Bill zu Max Bahr“
Dabei ist es nicht so wichtig, von welchem Hersteller oder Designer Küchenmobiliar- und Ausstattung stammt – hier geht es um das Konzept von Küche oder wie der Designer sagt: „The Farm Project ist keine dekorative Idee, sondern eine Haltung“. Zwar finden sich auch in dieser Küche Armaturen von Dornbracht, aber in dem gewollten Durcheinander von Formen, Farben und Mustern fallen diese kaum auf. Sie schmücken ein Waschbecken aus Edelstahl. Im Zentrum des Raumes steht die Werkbank, die den Bereichen „Waschen“, „Kräutergarten“, „Kochen“ und „Abstellen/Arbeiten“ gewidmet ist. An einem umlaufenden Metallrahmen können praktischerweise Geschirrtücher und Mülltüten aufgehängt werden. Über der Werkbank schweben in luftiger Höhe, befestigt an einer handelsüblichen schlichten Holzleiter, ausgestopfte Tiere und Küchenutensilien wie Schöpfkellen oder Rührlöffel.
Aufruf zur Unordnung
Der Bauernhof als Archetyp lässt Kitsch und banales Alltagsdesign zu und unterläuft damit das Bild perfekter Ordnung. Als Projekt zwischen Architektur, Kunst und Design vermittelt es die Atmosphäre einer Küche von einst und evoziert Fragen. Was ist Tradition, was Innovation? Wer bestimmt, was gerade gestalterisch en vogue ist und wie wir leben sollen? „The Farm Project“ ist eine Antwort auf diese Fragen, ein Angebot, sicherlich vereinbar mit dem aktuellen Trend zur Wohnküche, weniger allerdings mit dem Trend zur Küche als Design- und Prestigeobjekt. Denn der klassische Käufer der Porsche-Küche wäre hiermit ganz sicher überfordert. Oder sollte er vielleicht doch einmal mit Mike Meirés folgendem Ausruf konfrontiert werden? „Geht auf Euren Dachboden! Geht in Euren Keller, schaut, was drin ist und holt alles raus! Googelt Euch etwas zusammen! Geht in Secondhandläden! Und letztlich: Fangt an, Euer Umfeld zu kuratieren!“
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