Das Mondholzhaus

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Text: Tim Berge, Foto: Ralph Feiner

Partner: Girsberger

Es gibt sie, diese Orte, die eigentlich keiner Architektur bedürfen. Und doch passiert es manchmal, dass ein Haus solch einen Platz komplettiert, eine Symbiose mit ihm eingeht. Genau das ist auf einer kleinen Bergwiese im Schweizer Kanton Graubünden geschehen. Für die Plong Vaschnaus (Schafswiese) genannte Lichtung entwarf der Schweizer Architekt Gion A. Caminada eine Waldhütte, die eine wunderbare und einzigartige Fusion aus Raum, Topografie, Material und Konstruktion bildet. 

Die Tegia da vaut Domat-Hütte ist eine Schule im Wald: Hier sollen alle in Waldberufen tätigen Menschen der Region naturnah unterrichtet werden. Aber auch interessierte Schulklassen und Vereine können sich hier über die Besonderheiten der regionalen Landschaft und ihrer Tierwelt informieren. Naheliegend, dass der Architekt das Baumaterial in der unmittelbaren Umgebung gewinnen wollte. 

Kurviges Schindelgewand
Das auf einer leicht abfallenden Wiese, südlich der Gemeinde Domat/Ems, gelegene Gebäude strahlt eine angenehme und ruhige Selbstverständlichkeit aus – und dennoch ist es keine einfache Waldhütte. Dafür sorgt alleine die geschwungene Geste des Daches. Fast wie bei einem japanischen Teehaus kragt die Hausbedeckung aus und beschreibt eine leichte Kurve nach oben, entgegengesetzt zum abfallenden Gelände. Von der Dachkante hinab legen sich Holzschindeln wie ein weiches Gewand an die Fassade und verleihen der Tegia da vaut Domat ihren heimeligen, einladenden Charakter. Während sich der Bau zu drei Seiten fast komplett verschließt, öffnet er sich an einer Front mit großformatigen Fenstern zum Wald hin. Der Einschnitt im Gebäude wird durch einen tiefen Rücksprung geschützt, der eine schmale Terrasse ausbildet. Durch die bodentiefen Fenster strömt nicht nur Tageslicht hinein, sie bilden die außen liegende Natur wie auf Leinwänden ab und lassen Haus und Landschaft verschmelzen. 

Alles Holz
Für den Architekten Gion A. Caminada haben „der Ort selber und die darin vorgefundenen Baustoffe“ die Idee der Tegia da vaut Domat geformt. Das Material Holz, und damit das in die Verarbeitung einbezogene Handwerk, spielte von Anfang an eine große Rolle: „Der fähige Handwerker versteht es, den Eigenschaften eines Materials Ausdruck zu geben“, beschreibt Caminada. Für die Konstruktion der Hütte wurden fast alle Bestandteile der – für den Bau gefällten Weißtannen – genutzt, die alle aus dem gleichen Mondholzschlag stammen. Nichts erschien unbrauchbar. Dank unterschiedlicher Verarbeitungstechniken bekam jede Holzoberfläche ihr eigenes Gesicht: glatt, strukturiert, geschichtet, gebogen, mit und ohne Details. Das Material bildet den Raum und schafft eine warme Atmosphäre. Sogar die Akustik ähnelt der eines Waldes: Geräusche werden durch die weiche Oberfläche der Weißtanne geschluckt, Gespräche gedämpft.

Auch das Mobiliar, eine Sonderanfertigung des Schweizer Möbelherstellers Girsberger, fügt sich nahtlos in das Gesamtbild ein und trägt mit zu dem Gefühl von Geborgenheit bei, das den Besucher sofort erfasst, wenn er die Hütte betritt. Für Jürg Girsberger und „insbesondere die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Firma war es daher Herausforderung und Freude zugleich, das eigenständige Mobiliar für diesen außergewöhnlichen Raum mit seiner sinnlichen Atmosphäre zu fertigen.“ Innerhalb von nur drei Monaten wurden ein völlig neuer Stuhl sowie eine darauf abgestimmte Bank und ein Tisch entwickelt, die aus dem gleichen Holz gefertigt sind wie das restliche Baumaterial. Genau wie das Dach ist die Sitzfläche leicht geschwungen. Verbunden mit einem Gestell aus rohen, ebenfalls gebogenen Eisenstangen mit sichtbaren Schweißnähten, entstand ein Objekt, das – genau wie die Architektur – so wirkt, als wäre es schon immer da gewesen. Vielleicht hat aber auch einfach nur das Material seinen angestammten Platz im Wald zurückerhalten, in einer Architektur, die eine einmalige Nähe zur Natur schafft.

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