Denver-Clan mit Seeblick

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Text: Norman Kietzmann

Schweizer üben sich gern in Diskretion – obwohl ihre Küsten den Ruf genießen, sie seien aus purem Gold. Eine bauliche Annäherung an das schimmernde Edelmetall ist den Zürcher Architektinnen Jasmin Grego und Stephanie Kühnle gelungen. An das Ufer des Murtensees platzierten sie ein filigranes Haus auf Stelzen, das nicht nur galant über die Vegetation hinweg schwebt. Mit seiner vergoldeten Fassade bringt der Bau einen Hauch von Denver-Clan in die französische Schweiz.

Wer eine kurze Auszeit braucht, fährt an das nächst gelegene Gewässer oder besteigt besser gleich ein abgeschiedenes Baumhaus. Wie beides auf einmal funktioniert, ist derzeit in der Schweiz zu erleben. Am Ufer des Murtensees unweit von Bern schwebt ein gläserner Pavillon über das dichte Schilf hinweg, der aussieht, als hätten Richard Neutra und Donald Trump gemeinsame Sache gemacht. Glasdiamant heißt der eingeschossige, 27 Quadratmeter große Bau, der direkt auf dem Ufergrundstück des Nobelhotels La Pinte du Vieux Manoire errichtet wurde und als exklusive Suite mit Seeblick vermietet wird. Der Entwurf stammt von den Architektinnen Jasmin Grego und Stephanie Kühnle aus Zürich, die beide ihr Studium an der ETH absolviert haben und seit 2005 unter dem Büronamen GREGO Architektur zusammenarbeiten. 

360-Grad-Blick
Ihr Bau ist ein Refugium der besonderen Art: Eine viereckige Box wird von drei schlanken Pfeilern austariert, als hätte ein Case Study House das Fliegen erlernen sollen. Seinen Namen verdankt der Glasdiamant den leicht nach außen geneigten Glasscheiben, die vom Boden bis zur Decke hinaufreichen und dem Haus den Anschein eines geschliffenen Edelsteins verleihen. Der Grund für diese Schräglage ist schnell gefunden: Schließlich soll das Seepanorama nicht durch unnötige Reflexionen in den Scheiben gebrochen werden. 

Den Clou jedoch bildet die Verkleidung der Fassade, die sich zumeist auf ein schmales Band ober- und unterhalb der Fenster reduziert. Jasmin Grego und Stephanie Kühnle setzten hier auf eine gesunde Portion Pop und wählten Kupferschindeln mit goldener Oberfläche. Tecu Gold lautet der Name des Werkstoffs, der seine Erscheinung zu verändern vermag. Bildet die Kupfer-Aluminium-Legierung im Rohzustand eine monochrome Goldoberfläche, entsteht durch Oxidation eine leichte Gelbfärbung. Mit der Zeit erhalten die Schindeln einen besonders warmen Goldton, der sie matt und lebendig erscheinen lässt. 

Auf lediglich 27 Quadratmetern Fläche bietet der Glasdiamant ein anheimelndes Interior.
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Architektur und Glamour
Um keinen allzu großen Bruch zwischen den Fassaden und Fenstern zu erzeugen, wurden sämtlich Glasoberflächen golden verspiegelt. Auch diese Geste ist ein wohl kalkuliertes Augenzwinkern. Während Bauten wie das 2008 eröffnete Trump International Hotel in Las Vegas mit ihrer komplett verspiegelten Fassade einer Originalfolge von Denver-Clan entsprungen sein könnten, wirkt der Glasdiamant weder kitschig noch protzig-aggressiv. Je nach Perspektive spiegeln sich Äste der umliegenden Bäume im Sonnenschutzglas und lassen das Gebäude mit seiner Umgebung verschmelzen.

Für die Architektinnen liegt darin eine natürliche Form der Erdung. Wenn sich das Schilf und das Blätter der Bäume in der Wasseroberfläche spiegeln, entfachen sie eine in grünen und goldenen Nuancen schimmernde Lichtstimmung, die mit der Farbigkeit der Architektur korrespondiert. Eine Fortsetzung findet der warme Farbklang ebenso im Innenraum, dessen gesamter Boden einschließlich der Dusche mit einem gold-grünen Bisazza-Mosaik ausgelegt wurde. Bei den Möbeln sorgen hochwertige Materialien wie Leder, Leinen, Messing und Holz nicht nur für eine angenehme Haptik, sondern ebenso für einen verlässlichen Zugewinn an Patina. Der Preis für soviel Wohlbefinden in einem vergoldeten Diamanten: 945 Franken pro Nacht für zwei Personen inklusive Frühstück. Im Februar 2014 beginnt die neue Saison.

Alles, was glänzt: Mehr aus unserem Special The Golden Age lesen Sie hier.

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