Der 25-Stunden-Dampfer

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Text: Norman Kietzmann


Wenn Zimmer auf einmal Kojen heißen und alte Seebären ihre Geschichten entlang der Tapete erzählen, dann ist das Meer nicht weit entfernt. Im Überseequartier in der Hamburger Hafencity wurde Anfang Juli das fünfte und bislang jüngste Haus der designaffinen Hotelgruppe 25 Hours eröffnet. Dass in den 170 Zimmern mit Konferenzbereich und Dachsauna ein wenig Seemannsgarn nicht fehlen darf, versteht sich von selbst.


Frachtkähne ziehen draußen auf der Elbe träge vorbei, die in der Sonne wie ein sich kräuselndes, silbernes Band zu leuchten beginnt. Das Überseequartier gleicht immer noch einer gewaltigen Baustelle. Maschinen hämmern auf der gegenüberliegenden Straßenseite an den Fundamenten eines Bürogebäudes, wo ein fertiger U-Bahnhof wie eine Scholle aus Beton inmitten des sandigen Meeres umhertreibt. Die schalldichten Fenster machen die Arbeiter und ihre Geräte zu Fischen in einem Aquarium. Sie bewegen sich und tun etwas. Und bestimmt verursachen sie dabei auch eine Menge Lärm. Doch nichts von dem dringt vor in diese Zimmer, vor deren Ausblick Hamburg langsam in die Höhe wächst.

Narrative Tapeten

Es ist das zweite Haus, das die noch junge Hotelkette 25 Hours in der Hansestadt eröffnet hat. Anders als bei ihrem Stammhaus im Hamburger Westen, das 2003 ganz im Retrostil der sechziger und siebziger Jahre angelegt wurde, erzählen die 170 Zimmer vom Hafen und der See, wo Fern- und Heimweh seit jeher fest zusammengehören. 25 Seeleute aus aller Welt befragten die Macher des Hotels nach ihren realen Erfahrungen und verwoben ihre Erzählungen – von gefährlichen Überfahrten, romantischen Begegnungen und schmerzhaften Abschieden – zu einer gemeinsamen Geschichte. Erzählt wird diese in einem „Logbuch“, das auf dem Schreibtisch in jedem der Zimmer zu finden ist. Die Tapeten setzen die Geschichte auf grafische Weise fort, deren Motive vom Berliner Illustrator Jindrich Novotny gestaltet wurden. Dreimaster, Tanker und Wale finden sich dort wieder, Seefahrerbräute in aufreizenden Posen und exotische Souvenirs aus allen Kontinenten. 

Auch die Möblierung der „Kojen“ setzt auf maritime Details: Die Garderobe und Ablagen wurden in die Wände integriert und würden selbst bei starkem Seegang ihren Inhalt sicher aufbewahren. Die Kopfenden der Betten wurden ebenfalls in die Wände hineinversetzt und werden von rotbraunen, hölzernen Paneelen umschlossen. Eine Lotsenleiter hängt von der Decke herab und kann als Ablage, Kleiderhaken oder Turngerät zum Einsatz kommen, während ein aufgeklappter, hölzerner Seekoffer frei im Raum steht. Gestaltet wurde dieser vom Hamburger Möbelschreiner Likoo und dient als Schreibtisch, Musikstation mit iPod-Anschluss und kleine Bibliothek in einem, die die Gäste mit Wissenswertem über Hamburg und die Hafencity versorgt. „Durst ist schlimmer als Heimweh“, prangt in einer schwungvollen Fünfziger-Jahre-Schrift auf einer Tür unterhalb der Schreibunterlage und weist den Weg zur Minibar. Ein von innen beleuchteter Globus sowie ein Eimer aus schwarzer Emaille, der als hochseetauglicher Papierkorb dient, machen den Eindruck einer Schiffskajüte komplett.

Hydraulische Container


Maritim zeigt sich auch das sechs Meter hohe Erdgeschoss, in dem Lobby, Restaurant, Bar sowie ein großer Besprechungsraum ineinander übergehen. Letzterer ist in einem ausrangierten Container der Hapag-Lloyd untergebracht, der vom Schiffsausrüster Behrens Systemtechnik mit einer integrierten Beleuchtung sowie einer hydraulischen Hebetechnik ausgestattet wurde. Per Knopfdruck lässt sich eine Container-Wand nach oben fahren und den Raum zur Lobby öffnen. Referenzen an die Lagerhäuser der umliegenden Speicherstadt finden sich ebenso in den gelben Bodenmarkierungen sowie den auffallend groß proportionierten Aufzügen, die durch metallene Gitter und hölzerne Verkleidungen den Blick auf den rohen Fahrstuhlschacht freigeben und Assoziationen an ein Hochregal wecken. 

Gestaltet wurde das Interieur vom Hamburger Innenarchitekten Stephen Williams, dem Creative Director Markus Stoll und der Set-Designerin Conni Kotte. Letztere trieb eine eindrucksvolle Sammlung brasilianischer Vintage-Möbel auf, die mit der reifen Patina ihrer dunkelbraunen Ledersitze den rauen, industriellen Charme der Lobby brechen. Wohnlich zeigt sich ebenfalls das Restaurant Heimat, in dem sich ein Stapel von Teppichen als bequemes Sitzmöbel unter die filigranen Stühle und Tische mischt. „Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl. Wir servieren einfache Gerichte aus möglichst regionalen Zutaten“, erklärt Küchenchef Michael Jäger. Zusammen mit Hotel-Manager Henning Weiß hat er sich selbst ein Bild von der Haltung der Rinder gemacht, die später als hauseigene Burger im Heimat auf den Tisch kommen.

Abhärtung für Warmduscher

Für empfindliche Naturen nur bedingt geeignet ist die Hafensauna in der sechsten Etage. Zum Abkühlen treten die Gäste hinaus ins Freie auf eine überdachte Terrasse, wo der Blick über den Hafen und das gegenüberliegende Kreuzfahrtterminal für die eisige Brise entschädigt. Deutlich komfortabler sind dagegen die Clubräume in der ersten Etage, die ebenfalls mit brasilianischen Vintage-Möbeln ausgestattet wurden. Während der intime Vinyl Room mit einer beachtlichen Auswahl an Schallplatten, DJ-Pult und bequemen Loungemöbeln zum Entspannen einlädt, dient der Radio Room als Funkstation des 25-Stunden-Dampfers. Wie es sich an Bord gehört, können die Passagiere von hier über Computer, Drucker sowie eine Skype-Kabine mit der Außenwelt in Kontakt treten. Wer ein eigenes Laptop mit dabei hat, kann derweil auch auf den Zimmern über Kabel oder W-Lan nach Hause funken.

Auch das Thema Mobilität wird groß geschrieben: Neben einer Flotte von Minis, die nach Verfügbarkeit von den Gästen kostenlos gemietet werden können, stehen für kürzere Erkundungstouren ebenso schnittige Fahrräder von Hamburger Kult-Fahrradladen Two Wheels Good zur Verfügung. Was noch fehlt? Richtig: Ans Wasser muss das temporäre Zuhause für urbane Landratten noch angebunden werden. Ein eigener Bootsanleger im Magdeburger Hafen am Seiteneingang der Hotels ist hierfür bereits in Planung. Wer darauf nicht warten möchte, kann die Hafencity schon jetzt im so genannten Stand Up Paddling erkunden: Die Besucher treten hierbei im Ganzkörper-Neoprenanzug auf ein Surfbrett und paddeln – stehend, mit einem Ruder in beiden Händen – durch die Kanäle der umliegenden Speicherstadt.

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