Der Luxus des Alltäglichen

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Text: Nina C. Müller
Foto: Michel Bonvin

Die Schweden haben ein Wort, das auf Deutsch gar nicht existiert. „Lagom“ beschreibt einen Zustand von „gerade richtig“ oder von „nicht zu viel und nicht zu wenig“. Diese Beschreibung trifft auch auf den 130 Quadratmeter großen Wohnbau in Gotland zu, für den Collectif Encore den renommierten Kasper Salin Prize erhielt. Dabei wählten die Architekten eine einfache Gestaltung mit minimalen Eingriffen. Gerade die jedoch verleiht dem schwedischen Landhaus einen Luxus der besonderen Art.

Wer sich dem Gebäude von Weitem nähert, wird zunächst kein architektonisches Meisterwerk vermuten. Fassade, Dach und Sockel, sogar Schornsteine, Fensterprofile und Dachrinnen, sie alle bilden ein schlichtes Grau in Grau, das sich inmitten der wilden Landschaft, typisch für die schwedische Inseln, kaum hervortut. Wirft man jedoch einen Blick durch eines der vielen Panoramafenster des zweistöckigen Hauses, erkennt man schnell, dass es sich durch andere Qualitäten auszeichnet, als durch effekthascherische Materialien, Formen oder Farben.

„Unser Ziel ist es, das Leben schöner zu machen als die Architektur. Wir wollen, dass unsere Projekte in echt lebendiger sind als auf Bildern und interessanter werden, sobald sie bewohnt werden, auch noch nach zehn Jahren“, sagt die schwedisch-französische Architektin Anna Chavepayre über ihr Team aus Planern und Landschaftsarchitekten. Im engen Austausch mit der Bauherrin entwickelte sie ein Konzept, bei dem sie auf ausgefeilte Zeichnungen im Vorfeld verzichtete. Vielmehr stand die Kommunikation im Vordergrund, um Gewohnheiten und Alltagssituationen der Bewohner zu verstehen und dafür Raum zu schaffen.

Naturgesetze 
Die Baubestimmungen im Süden Gotlands boten dafür allerdings besondere Herausforderungen. Das Material für den Putz, die Größe der Grundfläche, die maximale Höhen sowie der Winkel des Daches waren genau vorgegeben. Doch statt diese Auflagen als Beschränkung zu sehen, nutzten sie die Architekten, um ihre Kreativität anzukurbeln. Zunächst schlugen sie dem Gesetz ein Schnippchen, indem sie den Bau an den Seiten abschrägten und so den Grundriss verringerten. Diese Lösung hält zudem Mäuse aus dem Haus fern und verleiht dem Baukörper eine skulpturale Form, die ihn effektvoll von der Landschaft abhebt.

Den gewonnenen Platz im Erdgeschoss ließen sie dennoch relativ undefiniert. Küche und Wohnbereich gehen als offene Fläche ineinander über. Circa ein Drittel der Ebene sahen sie als Gästebereich vor. Darüber, unter dem am Scheitelpunkt abgeschnittenen Dach, siedelten sie die Privaträume der beiden Bauherren an. Im Zwischengeschoss, sprich auf halber Höhe, integrierten sie eine verglaste Nische für eine Badewanne. Hinzu kamen Einbuchtungen in den Wänden, die als Schlafecke oder als Sitzplatz am Kamin dienen – allesamt simple, aber geschickte Lösungen, die für Rückzugsräume innerhalb des Raumes sorgen, ohne die Bewohner gänzlich abzuschotten und Blickbeziehungen zu unterbinden.

Offen für Ideen
Während die Architekten das Gebäude durch den abgeschrägten Sockel bewusst von der Natur abgrenzen, sorgen sie auf anderen Ebenen für ein perfektes Zusammenspiel – energetisch wie ästhetisch. „Das Haus nutzt Erdwärme. Boden und Fundament bestehen aus gegossenem Beton, ein Material mit guter Trägheit, das die Wärme im Winter und die Frische im Sommer hält. Die Wände bestehen aus speziellen strukturgebenden und isolierenden Betonblöcken und wurden entsprechend den örtlichen Vorschriften mit Kalk verputzt“, sagen sie.

Auch den Innenraum führten Chavepayre und ihr Team, mit Ausnahme von einigen Holzeinbauten, in dem gleichen Material und in der gleichen Farbe aus. Hier trifft man auf Mobiliar, das sich von den Gartenmöbeln kaum unterscheidet. Die Fensterbänke dienen gleichsam als Sitzbänke. Und Türen zu allen Seiten lösen die Schwelle zwischen Haus und Garten fast gänzlich auf. Zum ersten Mal setzte sich bei dem schon seit 1962 ausgelobten Architekturpreis Kasper Salin ein Privathaus durch und das in Konkurrenz mit architektonischen Schwergewichten wie BIG. Wer das Haus betritt, kann die Wahl der Jury schnell nachvollziehen, obwohl sie durchaus überraschte: „Ein geniales Haus, das dank seiner vielfältigen privaten wie öffentlichen Nutzungsmöglichkeiten deutlich größer wird als seine tatsächliche Quadratmeterzahl.“

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