Der Turm auf der Piste

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Text: Norman Kietzmann


Carlo Mollino besaß nicht nur eine Schwäche für schnelle Autos und schöne Frauen. Der Turiner Architekt war ebenso ein leidenschaftlicher Skifahrer und brachte die Moderne in die italienischen Alpen. Im Skiort Breuil-Cervinia realisierte er 1954 sein ambitioniertes Wohnprojekt: den neunetagigen Apartmentturm Casa del Sole.





Nationale Heiligtümer sind häufig eine Frage des Standpunktes. Kaum anders geht es den sonst so akkuraten Schweizern, deren bekanntester Berg – das Matterhorn – mit seiner breiten Südflanke zum überwiegenden Teil auf italienischem Boden liegt. Dass der 4478 Meter hohe Gipfel vor allem mit seiner Postkartenperspektive aus dem schweizerischen Zermatt in Verbindung gebracht wird, hat einen historischen Grund: Schließlich ist die Südseite des Matterhorns (ital. Monte Cervino) erst in den dreißiger Jahren für den Wintersport erschlossen worden.

Eine wichtige Rolle spielte hierbei ein Österreicher mit italienischem Pass: Leo Gasperl, ein erfolgreicher Skifahrer, der in den späten dreißiger Jahren die italienische Nationalmannschaft trainierte und 1947 mit 136 Stundenkilometern den gültigen Geschwindigkeitsrekord im Skifahren um satte 30 km/h zu übertreffen vermochte. Im seinerzeit noch winzigen Ort Breuil-Cervinia hatte Gasperl 1937 geheiratet und mit der Casa degli Spots ein florierendes Geschäft für Skiausrüstung eröffnet. Dessen Einrichtung sowie die seines eigenen Apartments übertrug er keinem Geringeren als Carlo Mollino (1905 – 1973).

Alpine Vorreiter


Der Turiner Architekt, der 1934 im Alter von 29 Jahren das Skifahren erlernte und 1942 sogar kurzzeitig selbst als Skilehrer unterrichtete, setzte sich nicht nur auf sportliche Weise mit dem Skifahren auseinander. In seinem 1950 veröffentlichten Buch Introduzione al Discesismo lieferte er eine Einführung zum technischen Verständnis des Abfahrtslaufs, indem er Wirkungskurven der Schwerkraft aufzeichnete und den Band mit zahlreichen selbstgeschossenen Fotos von Leo Gasperl untermalte. Gasperl war es, der Mollino schließlich dem Unternehmer Dino Lora Totino vorstellte, der als Initiator des Montblanc-Tunnels 1949 nicht nur europäische Verkehrsgeschichte schrieb.

Auch die Entwicklung von Breuil-Cervinia trieb der gebürtige Turiner entscheidend voran, indem er 1934 bis 1939 die bis dato weltweit höchste und längste Seilbahn auf der Südseite des Matterhorns errichten ließ. Führte die 1936 eröffnete Verbindung zur Station Plan Maison auf eine Höhe von 2200 Metern, folgte 1939 der zweite Streckenabschnitt zum Plateau Rosà auf eine Höhe von 3480 Metern. Anders als in etablierten Skigebieten wie St. Moritz, Gstaad oder Cortina fehlte es aber noch an passenden Unterkünften. Am Fuße der Seilbahnstation erwarb Dino Lora Totino schließlich ein Grundstück und beauftragte Carlo Mollino 1947 mit dem Entwurf eines Apartmentkomplexes mit angeschlossenem Restaurant – die spätere Casa del Sole.

Ausrichtung zur Sonne

Mollino, der den Sommer 1930 im Aosta-Tal verbrachte und die Konstruktionen traditioneller Bauernhäuser in detaillierten Zeichnungen festhielt, konzipierte einen neungeschossigen Turm, der sich selbstbewusst der Bergkulisse entgegenstemmt. Vor allem an der Südfassade wird die Verbindung aus Moderne und Elementen traditioneller Alpenbauweise deutlich, die mit raumhohen Fenstern und großzügigen Balkons zum Tal geöffnet wurde. Das filigrane Stabwerk aus Beton, das die Balkons in vertikaler Ausrichtung umschließt, adaptiert die überstehenden Balken, wie sie Mollino bei traditionellen Bauten in der Region beobachtete. Auffällig ist ebenso die Schräge, mit der die Südseite des Gebäudes in Richtung Tal geneigt wurde, sodass die Balkons jeweils leicht über den der darunter liegenden Etage hinausragen. Für Mollino, der die Haltung der Skifahrer genau studiert hatte, eine konsequente Geste: Um seinem Turm optimalen Halt auf dem Gefälle des Grundstücks zu geben, neigte er ihn auf ähnliche Weise ins Tal, wie er es selbst zuvor beim Skifahren erlernt hatte.

Adlernest auf der Dachkante

Wurde die von Beton und Glas bestimmte Südfassade zur Sonne geöffnet, wirkt die zum Berg gerichtete Nordseite betont verschlossen. Weiße Rahmungen setzen die Fenster als grafisches Muster von der mit dunklem Lärchenholz vertäfelten Fassade ab, während die mit Stein verkleideten Seiten dem Turm beinahe den Charakter einer mittelalterlichen Burg verleihen. Die Blicke zieht ein Aufbau in der neunten Etage auf sich, der sich asymmetrisch nach Westen über die Dachkante hinausschiebt und den Turm „aus der Balance“ bringt. Anders als die darunter liegenden Etagen orientierte Mollino diesen Raum nicht zur Sonne, sondern verdrehte dessen Balkon nach Norden mit Sicht auf die Berge. Bewohnt wurde das „Adlernest“ von Leo und Luciana Gasperl, deren Wohnung ebenfalls einen Teil der darunter liegenden, achten Etage nutzte. Auch Carlo Mollino bezog nach Fertigstellung des Gebäudes ein kleines Apartment auf der achten Etage, das er regelmäßig für kurze Skiausflüge aus dem rund 100 Kilometer entfernten Turin aufsuchte.

Sollte Carlo Mollino anfangs allein für die Architektur der Casa del Sole verantwortlich sein, übertrug ihm Dino Lora Totino 1951 auch die Gestaltung der gesamten Inneneinrichtung. Ausgestattet mit Aufzügen, Zentralheizung, Elektroöfen und Kühlschränken boten die Wohnungen einen ungewöhnlichen Komfort, wenngleich Mollino bewusst auf Plüsch verzichtete. Für die Ausstattung der 23 Eigentumswohnungen sowie dem 20 Tische umfassenden Restaurant Pavia im Erdgeschoss des Turms entwickelte er zum ersten und einzigen Mal in seiner Karriere eine standardisierte Einrichtung, die an die jeweilige Wohnungsgröße angepasst wurde.

Holzvertäfelte Wände

Statt schwerer Samtvorhänge oder surrealistischer Details, wie sie in vielen seiner Inneneinrichtungen vor und nach der Casa del Sole zu finden sind, entwarf Mollino ein Interieur von puristischer Klarheit. Die Wände wurden mit Ausnahme der Bäder und Küchen vollständig mit Brettern aus Lärchenholz verkleidet, die nicht nur für eine bessere Isolierung sorgen, sondern ebenso eine dezente Unterbringung der Wandschränke ermöglichten. Lediglich im Wohnzimmer wurden die hölzernen Wandverkleidungen von einem aus Beton und Naturstein gefertigten Kamin durchbrochen, der sich auffallend weit in den Raum hineinschiebt.

Auch die Möblierung wirkt strenger als bei seinen früheren Arbeiten. Statt auf sinnliche Kurven setzte Mollino auf deutlich konstruktivere Formen wie jenen aus Kastanienholz gefertigten Tischgestellen oder den frei kombinierbaren Betten. Diese ließen sich entweder neben-, hinter- oder übereinander stapeln und erinnern mit ihren sich verjüngenden Beinen unweigerlich an die Standard-Serie von Jean Prouvé. Auffällig sind ebenso die Verbindungselemente aus Messing, mit denen die Betten fixiert werden: Sie sind einer Skibindung nachempfunden, die 1938 von Leo Gasperl  entwickelt worden war.

Vorreiter in Energieeffizienz

Zurück zu körperlich-erotischen Formen ging Carlo Mollino lediglich mit seinem vierbeinigen Stuhl der Casa del Sole, dessen Gestalt er den traditionellen Holzstühlen des Aosta-Tals entlehnte. Während die Vorgänger nur über drei Beine sowie eine Rückenlehne aus einem simplen Brett verfügten, verfeinerte Mollino die Konstruktion: Er löste die Rückenlehne in zwei getrennte Bretter auf, die jeweils einen fließenden Übergang zu einem der beiden Hinterbeine erzeugen. Um dem Stuhl zusätzliche Stabilität zu verleihen, wurden die Beine aus härterem Eichenholz gefertigt, während bei Sitzfläche und Rückenlehne weicheres Kastanienholz zum Einsatz kam.

Dass sein Plan aufging, zeigt der auffallend gute Zustand, in dem sich viele Stühle der Casa del Sole noch heute befinden. Und das, obwohl ihnen über beinahe sechs Jahrzehnte von Schnee- und Skischuhen kräftig zugesetzt wurde. Als langlebig erwies sich auch die Ausführung der Fenster, die ebenfalls von Carlo Mollino entworfen wurden. Anders als in den fünfziger Jahren üblich, wurden diese als Doppelverglasung mit einer großzügigen Luftkammer im Inneren ausgeführt. Auch heute befinden sich die meisten Fenster der Casa del Sole seit 1954 unverändert im Gebrauch – der Weitsicht eines leidenschaftlichen Skifahrers sei Dank.



Ausstellungstipp:
Carlo Mollino – Maniera Moderna
Haus der Kunst, München
Noch bis zum 08. Januar 2012



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