Der Van-Duysen-Effekt

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Text: Claudia Simone Hoff
Foto: Robert Rieger

Wenn etwas im Trend liegt im Hotelbusiness, dann sind es historische Gebäude, die von bekannten Architekten in gestalterisch ambitionierte Boutique-Hotels verwandelt werden. Nun ist auch Belgiens Designmetropole Antwerpen um eine Trouvaille reicher: das August, das Lokalmatador Vincent Van Duysen gestaltet hat.

Antwerpen – nicht gerade arm an gestalterischen Highlights – hat seit Mai eine Designattraktion mehr: das Boutique-Hotel August in der Jules Bordetstraat 5,
untergebracht in einem ehemaligen Augustiner-Kloster aus dem 19. Jahrhundert.

Der Design-Vernetzer
Die Umnutzung historischer Gebäude in designaffine Hotels ist ein Trend, der schon eine ganze Weile anhält. Neben dem August ist ein aktuelles Beispiel das Hotel The Jaffa in Tel Aviv, ebenfalls ein ehemaliges Kloster, das der britische Architekt John Pawson umgebaut hat. In Antwerpen setzt man auf Vincent Van Duysen, was wenig überraschend ist, denn der Architekt und Designer gilt als Star der belgischen Gestaltungsszene.

Das Militär wird grün
Das Hotel August befindet sich auf einem ehemaligen Militärgelände, das in ein luxuriöses Wohnquartier umgestaltet wurde. Im dicht bebauten Antwerpen ist Het Groen Kwartier, wie das Projekt heißt, von ziemlich viel Grün umgeben und nur locker bebaut. Das Hotel ist ein Ensemble von fünf verschieden Gebäuden im neoklassizistischen Stil, die Van Duysen so geschickt zusammengefasst hat, dass die Übergänge nahtlos erscheinen. Für den Architekten ist es das erste Hotelprojekt überhaupt. Die Bauherrin Mouche Van Hool, die bereits das Boutique-Hotel Julien in Antwerpen betreibt, hat sich bewusst für Van Duysen entschieden: Er ist eng in der Stadt verwurzelt und Gestalter von Graanmarkt 13, ein inzwischen ikonisches Konglomerat von Concept Store, Restaurant und (Ferien-)Penthouse.

Ein Hotel erobert die Stadt
Die Idee von Mouche Van Hool: Ein Hotel soll nicht nur Schlafstatt für Reisende sein, sondern ein Ort, an dem selbst die Bewohner der Stadt gern verweilen. Deshalb beherbergt das August auch ein Restaurant, eine Bar, ein Café, ein Spa und einen Shop. Insgesamt gibt es 44 Zimmer und Suiten, die zwischen 16 und 41 Quadratmeter groß und mit En-Suite-Bädern mit bodengleichen Duschen oder freistehenden Badewannen ausgestattet sind. Kein Grundriss gleicht dem anderen, wie es typisch ist für Hotels, die in historischen Gebäuden untergebracht sind. Ziel der Restaurierung von Callebaut Architecten war es, möglichst viele Elemente des denkmalgeschützten Ensembles wieder in den Originalzustand zu versetzen beziehungsweise zu erhalten. So wurden beispielsweise alte Fliesenböden und Holzdecken restauriert und verströmen nun den Charme vergangener Jahrhunderte.

Maßgefertigt: das Interior
Vincent Van Duysen hat eine Vorliebe für monochrome Interiors, die oft in Grau-, Beige- und Brauntönen gehalten sind. Immer wirken sie elegant und behaglich zugleich, was vor allem an den verwendeten, hochwertigen Materialien liegt. Den Architekten als Materialfetischisten zu beschreiben, ist sicherlich keine Übertreibung – seine gestalterische Handschrift ist eng mit den Themen Oberflächen und Haptik sowie Farben verknüpft. Das sieht man auch im August, wo er auf natürliche Materialien wie Marmor, Holz und Keramik fokussiert und sich dabei an der bestehenden Farbpalette von dunkler Räuchereiche und den Kontrast von Schwarz und Weiß orientiert. Speziell für das Projekt hat er Möbel und Leuchten, gewebte Teppiche und handgefertigte Fliesen entworfen, die von Herstellern wie Molteni, Serax und Flos produziert wurden.  

Auf einen Drink in der Kapelle
Unbestrittener Mittelpunkt des Hotels ist die ehemalige Kapelle des Klosters, in dem sich die Bar August befindet. Im Fokus der Gestaltung stehen ein eleganter, abgerundeter Bartresen sowie behagliche Sitzgelegenheiten in eleganten Farbtönen wie Taupe, Greige, Braun und Schwarz. Ebenso wie das Restaurant, das in einem Wintergarten untergebracht ist, wird die Bar von Nick Bril geleitet. Er ist außerdem Chefkoch des benachbarten, mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichneten Restaurants The Jane. Die Ingredienzien der im August servierten Drinks und Speisen sind teils lokaler Herkunft – manche wachsen auf dem Dach eines Industriegebäudes in unmittelbarer Nachbarschaft des Hotels. Serviert werden sie in Gläsern und Geschirr der Kollektion Passe-partout des belgischen Labels Serax, die ebenfalls von Van Duysen stammt.

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In die Geschichte eintauchen
Hotels nur für Gäste von außerhalb zu konzipieren, gilt inzwischen als überholt. Aktuelle Hospitality-Konzepte zielen darauf, auch die einheimische Bevölkerung mit einzubinden. Schließlich sind Stadthotels Teil des urbanen Gefüges – warum sollten ihre Restaurants, Bars, Cafés, Shops und Spas nicht  das Alltagslebens versüßen und zugleich für eine bessere Auslastung sorgen? Das August hat alles, was man braucht, um ein Publikumsliebling zu werden: eine attraktive Lage, ein schönes historisches Gebäude, lauschiges Grün, ein kontemporäres Interiordesign, das alle Räume umfasst, elegant und behaglich ist. Es ist ein Ort, an dem man gern seine Zeit verbringt.

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