Design Miami 2019: Modische Verwandlungen

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Text: Norman Kietzmann

Auf der Design Miami werden limitierte Editionen und historische Raritäten gehandelt – für bis zu siebenstellige Summen. Die fünfzehnte Ausgabe der Sammlermesse setzt den Fokus verstärkt auf Kooperationen. Vor allem Modefirmen strecken inmitten der Strand- und Palmenkulisse die Fühler in Richtung Interieur aus. 

Manchmal darf es etwas mehr sein. Auf der Design Miami geht es nicht nur um schnöde Effizienz und Praktikabilität im Möbelbau. Die Dinge des Alltags dürfen inspirieren, überraschen und vor allem eines: Sie sollen Geschichten erzählen. Als Überthema hat der in Shanghai ansässige Chefkurator Aric Chen in diesem Jahr das Thema Wasser vorgegeben, das von den ausstellenden Galerien und Designern mal mehr, mal weniger konkret aufgegriffen wurde. Die eigentliche Messe bespielt ein großes, weißes Zelt, das auf der Westseite des Convention Centers aufgebaut wurde – nur wenige Schrittweite von der parallel stattfindenden Art Basel Miami Beach entfernt.

Doch in Miami bespielt das Design sogar ein eigenes Viertel – den Design District auf der Festlandseite im Norden der Downtown. Die Architeturen der großen Mode- und Möbelmarken reihen sich hier Wand an Wand aneinander. Zur Messezeit verwandeln sich die Straßen in den Abendstunden in eine große Party – als wäre der Salone del Mobile kurzerhand in die Strand- und Palmenkulisse gebeamt worden, die diesmal ganz und gar nicht tropisch daherkam. Pünktlich zur Eröffnung der Design Miami hat sich ein Polartief den Weg bis hinab nach Florida gebahnt und die Temperaturen in den Abendstunden auf Mantelwetter fallen lassen. Keine leichte Angelegenheit bei größtenteils im Freien stattfindenden Parties. Doch zumindest New Yorker und Europäer waren mit den Winterjacken in ihrem Gepäck auf die ungewöhnliche Situation im Sonnenstaat vorbereitet.

Graduierung von Transparenz 
Einen überaus direkten Zugang zum Wasser-Thema hat der südafrikanische Gestalter Porky Hefer gewählt, der sich mit überdimensionalen Sitzobjekten in Tierform einen Namen gemacht hat. Für die in Kapstadt ansässige Galerie Southern Guild ging er geometrisch ans Werk und hat mit seinen Water Pods / Molecules jeweils zwei kleine Kugeln mit einer großen Kugel verschmolzen – in Anlehnung an die Molekülstruktur des Wassers. Die außen mit Leder bezogenen Objekte sind im Inneren mit Kunstfell ausgekleidet und hängen an Seilen von der Decke herab – als schaukelnde Rückzugskojen für ein bis zwei Personen.

Der US-amerikanische Keramiker William Coggin hat sich für seinen Coffee Table (Galerie Scene Ouvert, Paris) von Korallen inspirieren lassen. Der aus Glas gefertigte Null Dining Table von Studio Buzao (Gallery All, Los Angeles) zeigt blaue Farbverläufe, die sich gegenseitig überlagern und je nach Blickwinkeln Assoziationen an Himmel oder Unterwasserwelten erwecken. Einen Ausflug in die Postmoderne unternimmt die Erastudio Apartment Gallery aus Mailand mit dem Pool Table von Remo und Annalena Buti aus dem Jahr 1982: ein Billardtisch, dessen Spielfläche mit einem grünlich schimmernden Harz zugegossen wurde. Die Fragilität von Seifenblasen thematisieren Studio Swine mit der  Installation@design für die Socialmediaplattform Instagram. Im Inneren der komplett aus recycelbarem PVC gefertigten Bubbles werden Exponate zu den Trendthemen Inklusivität und Nachhaltigkeit gezeigt – darunter Beinprothesen mit grafischen Dekoren von Alleles Design Studio, die nicht wie ein Makel wirken, sondern ihren Trägern neues Selbstbewusstsein geben.

Präsenz auf allen Bühnen
Einen Bezug zum Klimawandel zeigen die aus Bronze gefertigten Möbel aus der Acqua Alta Serie von Virgil Abloh am Stand der Galerie Carpenters Workshop. Die erstmals während der Ausstellung Dysfunctional in Venedig präsentierten Stühle und Bänke erwecken den Eindruck, als würden sie im Hochwasser der Lagune versinken. Abloh ist auch mit neuen Arbeiten in Miami präsent: Wenige Meter weiter zeigt der Louis-Vuitton-Designer am Stand der Pariser Designgalerie Kreo die Kollektion Efforesence. Hingucker sind mit Graffiti überzogene Stühle und Bänke aus einem mit Papier und Luft versetzten Sichtbeton, der die scheinbar unverrückbar schweren Möbel tatsächlich mobil macht. Im Showroom von Baccarat debütiert die Serie Crystal Clear: zylindrische Leuchten und Vasen, an denen Ketten aus Kristallglas hängen, womit Abloh ein wiederkehrendes Motiv seiner Taschenentwürfe für Vuitton und Off-White aufgreift.

Fashion, Fashion, Fashion
Die Wechselwirkung zwischen Design und Mode wird bereits seit vielen Jahren auf der Mailänder Möbelmesse erprobt. In Miami stellen die großen Marken nun ihre Ergänzungen vor: Die Zürcher Gestalterinnen Lovis Caputo und Sarah Kueng haben für Fendi die Kollektion Roman Molds entworfen: von den Fensterbögen des Palazzo Della Civita Italiana in Rom (dem Headquarter Fendis) inspirierte Möbel und Tische, die mit feinem Leder überzogen sind und poppigen Farben aufwarten. Louis Vuitton erweitert die Möbelkollektion Objets Nomads um das Swell Wave Shelf des US-amerikanischen Designers Andrew Kudless, dessen organisch geschwungene Massivholzböden von ledernen Riemen getragen werden.

Andere Modemarken springen gerade erst auf das Möbel-Trittbrett auf. Der Edelschuster und Herrenausstatter Berluti hat sich mit der Pariser Designgalerie Laffanour Downtown zusammengetan. Mehrere Originalmöbel von Pierre Jeanneret aus den Fünfzigerjahren sind mit neuem Leder bezogen worden, das in warmen Farbverläufen gehalten ist: genau wie die berühmten Schuhe des Pariser Herstellers. Die Prada-Zweitlinie Miu Miu präsentiert den vom Pariser Designstudio M/M entworfenen M/Marbles Stool, der ein Wallnussgestell mit Elementen aus Palmenholz, Glas und Gummi kombiniert. Der in New York ansässige, russische Interieur-Designer Harry Nuriev hat für Balenciaga ein Sofa entworfen, bei dem ausrangierte Kleidungsstücke des Pariser Modehauses als Polster dienen und von einem transparentem Vinyl-Bezug umschlossen werden.

Viktorianische Verwandlung
Broached Commissions ist das erste Designstudio aus Australien mit einem eigenen Stand auf der Design Miami. Auf den ersten Blick wirken die Objekte aus der Serie The Grid Within wie geschlossene Kuben unterschiedlicher Dimensionen, die mit ihren horizontalen Streifen an Entwürfe von Mario Botta aus den Achtzigerjahren denken lassen. Doch hinter den neu produzierten Werken liegt eine andere Ebene. „Wir finden es spannend, ein wenig abseitig betrachtete Designepochen in die Gegenwart zu transportieren“, sagt Gründer und Kreativdirektor Lou Weis.

Das Abseitige waren in diesem Fall Möbel aus der viktorianischen Zeit, die in Australien für Spottpreise gehandelt werden. Broached Commissions haben mehrere Schränke aus Wurzelholz in Streifen zersägt und zu monolithischen Objekten neu zusammengesetzt. Deren Schubladen kommen gänzlich ohne Griffe aus und lassen sich nur dann öffnen, wenn ein metallisches Objekt vor die Türen mit innenliegenden Magneten gehalten wird. Ergo: Auch in Miami ist nicht alles, wie es auf den ersten Blick erscheint. 

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