Die Leser gehen unter die Haut: Bibliothek in Baiona

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Text: Anne Meyer-Gatermann, Foto: Imagen Subliminal, Hector Santos Diez

Wenn Architektur wie ein gutes Buch ist: Das Architekturbüro Murado & Elvira hat in die historische Hülle eines Krankenhauses eine Hobbit-Höhle zum Bücher schmökern gesetzt, die Stadtbibliothek in Baiona.

Außen historisch, innen utopisch: Das spanische Architekturbüro Murado & Elvira hat im galizischen Baiona ein Hospital aus dem 17. Jahrhundert zu einer Bibliothek umgebaut. Von außen wirkt das Sancti Spiritus Hospital beinahe unberührt. Clara Murado und Juan Elvira wollten dem denkmalgeschützten Bau, der unsensible Umbauten erlitten hatte, seine historische Identität zurückgeben und haben ihm gleichzeitig eine völlig neue Form verpasst.

In die bestehende Hülle haben die Architekten eine Hobbit-Höhle aus Ahornholz gesetzt. Spielerische Formen und die warme Farbe des Materials verleihen den Räumen eine Atmosphäre, die an die Architektur des Auenlandes aus dem Fantasy-Klassiker Der Herr der Ringe erinnert – ein utopischer Ort, der Geborgenheit ausstrahlt. Ideal also, um in Bücher abzutauchen.

Der Lesesaal ist eine großzügige Höhle, deren gewölbte Decke wirkt, als habe sie ein Riese mit Origami-Technik gefaltet. Durch runde Deckenfenster fällt Tageslicht in den Lesesaal und malt Lichtkreise auf Boden und Wände. Dort, wo Fenster in die hölzerne Kapsel geschnitten sind, wird sichtbar, wie stark die Hülle ist – auch das vermittelt den Eindruck einer sicheren Festung.

Entlang der Lesehöhle sind kleine Studiernischen angesiedelt. Als Eingänge haben die Planer organische Formen aus dem Holz geschnitten, die sie dann als Tische weiterverwendet haben.

Im Erdgeschoss führt ein großzügiger Gang vom Eingang zu Innenhof und Garten. Eine dicke Steinwand markiert diese Hauptachse, die als Reminiszenz an die alte Granitstruktur des Gebäudes gedacht ist. Darin eingelassen sind archäologische Stücke aus dem Originalgebäude und eine steinerne Stufe aus dem historischen Bau haben die Planer als Sitznische eingefügt – eine gelungene Verschränkung von alter und neuer Struktur. Dem gegenübergestellt ist ein hölzerner Raum, in dem sich das historische Archiv und die Serviceräume verbergen. Das ergibt einen schönen Kontrast der Materialien.

Pläne
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Hinter der Granitwand befindet sich die Kinderbibliothek, in der das Architekturbüro die spielerische Handschrift des Baus genussvoll ausdekliniert. Der ungewöhnliche Grundriss hat eine stilisierte Wolkenform. Auch dieser Raum ist mit Ahornholz ausgekleidet. In die gerundeten Nischen schmiegen sich die Regale – hinter einem von ihnen verbirgt sich eine Geheimtür, durch die Besucher hinein- und hinausgelangen. Eine schöne Idee sind auch an den Regalen angebrachte Rückenlehnen für ein bequemes Lesen auf dem Boden.

Inspiration für die Gestaltung haben sich Murado & Elvira aus dem 15. Jahrhundert geholt: Das Gemälde Hieronymus im Gehäuse von Antonello da Messina stand Pate. In dem Bild ist die Architektur um ein Buch herum arrangiert, die Formen des Gehäuses kann man in den Nischen dieser Bibliothek wiederentdecken. Den Planer ist es gelungen, dass man in die Ahornkapsel unter der historischen Haut eintauchen kann wie in ein gutes Buch.

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