Die Lichtung

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Text: Katharina Horstmann
Foto: Tomohiro Sakashita

 
Ob flechtenbedeckte Kiefern, knorrige Eichen oder zierliche Bonsai – Bäume sind auf vielfältige Weise in das menschliche Leben eingebunden. Sie reichern nicht nur die Luft mit Sauerstoff an, beeinflussen die Temperatur und liefern unzählige Produkte. Vielmehr regen sie seit jeher die Fantasie des Menschen an, prägen Märchen, Sagen und Legenden oder auch gestalterische Konzepte. Die japanischen Architekten Kyoko Ikuta und Katsuyuki Ozeki etwa entwarfen ein Feriendomizil, das sich an den holzigen Pflanzen orientiert. Das Resultat ist ein Haus mit einem Wohnraum, der in die Weite der umgebenden Baumkronen blickt. Die Schlaf- und Badezimmer hingegen öffnen sich zu den Baumstämmen und spähen in die Tiefe der Natur.
 
 
„Frieden findet man nur in den Wäldern", sagte einst Michelangelo – ein Empfinden, das auch den Bauherren, einem älteren Ehepaar, durch den Kopf ging als sie beschlossen, ein Wochenendhaus am Rande eines großen Lärchenwaldes zu bauen. Ein Heim, das zum Nichtstun einlädt, die Natur in den Innenraum holt und dennoch genug Privatsphäre bietet, um sich unbeobachtet zu fühlen – das war ihr ausdrücklicher Wunsch und eine Herausforderung für Kyoko Ikuta und Katsuyuki Ozeki. Da das Grundstück auf einem ebenen Gelände liegt und keinen Ausblick auf die Berge der Umgebung gewährt, orientierten sich die Architekten an den umgebenden, über zehn Meter hohen Lärchen, deren Äste erst ab einer Höhe von sechs Metern wachsen. Es waren genau diese Äste, die sie im Wohnraum „einfangen" wollten, was gewöhnliche, horizontal ausgerichtet Fensteröffnungen nicht zuließen. Daher entwarfen sie ein Haus mit tiefliegendem Satteldach, dessen Längswände nicht höher als 1,10 Meter sind, und „schnitten" ein Dreieck aus ihm heraus. Dieses Dreieck ist der Mittelpunkt des Gebäudes und dient als Innenhof, der sich wie eine Lichtung im Wald öffnet.
 
Spartanisches Kirchenschiff
 
Eine kleine, unauffällige Treppe führt zur schmalen Eingangstür des 70 Quadratmeter großen Gebäudes. Betritt man es, findet man sich in einem hellen, wie ein spartanisches Kirchenschiff anmutenden, leicht polygonal verlaufenden Raum wieder, der ganz in Weiß gestrichen ist; nur der Boden besteht aus Sichtbeton. In seiner Mitte verläuft eine verglaste Wand, die bis zum Dachfirst reicht und sich zum dreieckigen Innenhof öffnet. Die niedrige Wand auf der anderen, der linken Seite ist ebenfalls verglast und ermöglicht den Blick auf den Waldboden. Vor ihr steht ein langer hölzerner Esstisch mit zwei Wegner-Stühlen und einer Sitzbank. Dahinter befindet sich eine weiße Kücheninsel.
 
Dreiecksbeziehung
 
Links und rechts vom Innenhof befinden sich zwei weitere Räume: links das Schlaf- und rechts das Badezimmer. Ihre Innenwände bilden die äußeren Begrenzungen des Patio. Wie dieser sind auch sie dreiecksförmig, wie die linke Außenwand ist auch hier die 1,10 Meter hohe Längswand komplett verglast und bietet gleichwohl ausreichend Privatsphäre.

Im Schlafzimmer steht ein großes Holzpodest, das als Bett dient und einen perfekten Einblick in die Pflanzenwelt des Waldes gewährt – intim und ungestört, da der Blick eingegrenzt ist und auf den Boden gerichtet bleibt. Im Badezimmer wiederum ist an der rechten Außenwand zunächst ein schlichtes, rechteckiges Waschbecken mit integriertem Handtuchhalter angebracht. Über ihm hängt ein ebenfalls rechteckiger Spiegel. Dahinter folgt die für Japan typische High-Tech-Toilette, die mit jeglichen technischen Raffinessen ausgestattet ist – vom beheizbaren Sitz bis hin zum automatischen Wasserstrahl und Luftstrom für die Intimreinigung. Daneben befindet sich auf einer rechteckigen flachen Vertiefung im Boden die freistehende ovale Badewanne. Auch sie bietet einen perfekten Ausgangspunkt, um ungestört die Natur zu genießen und die kleinen Waldlebewesen zu beobachten.
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