Die Sterne von La Mancha

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Text: Myrta Köhler, Foto: Fernando Alda


Nähert sich der Reisende bei Nacht der spanischen Stadt Albacete, gewahrt er ein seltsames Phänomen. Am Rande der Stadt scheint sich der Sternenhimmel zu verdichten – als ob die Milchstraße auf Rechteckform komprimiert worden wäre. Kommt er noch näher, zeichnen sich die Umrisse eines Gebäudes ab: Seit Kurzem steht hier das neue Railway Control Center, entstanden nach Plänen des spanischen Büros Moreno del Valle Arquitectos. Ein besonderes Lichtkonzept macht den Gebäudekomplex zum neuen Wahrzeichen der Ebene La Mancha.


Zu Weltruhm gelangte das Hochplateau durch den Schriftsteller Miguel de Cervantes: Sein „Held“ Don Quijote kämpfte hier gegen die berüchtigten Windmühlen, die noch immer das Gesicht der Region prägen. Auf dem Rücken seines altersschwachen Gauls Rosinante durchlebte er in dieser Landschaft Abenteuer, die ihn, wenigstens virtuell, auch in die entferntesten Winkel dieser Erde trugen – und seinen Schöpfer unsterblich machten.

Reisen in Windeseile

Don Quijotes Kampf gegen die Windmühlen wurde häufig als Kampf gegen den technischen Fortschritt gedeutet. Bekanntermaßen war ihm kein Erfolg beschieden. Längst hat sich in der Region Kastilien-La Mancha das Dampfross gegen das Pferd behauptet – und die erforderliche Infrastruktur wird ständig modernisiert. Eine neue Hochgeschwindigkeits-Bahnstrecke verbindet neuerdings Madrid mit den Zentren im Südosten Spaniens. Nun fegt nicht nur der Wind über die Ebene: Die „fahrenden Ritter“ von heute reisen mit einer Höchstgeschwindigkeit von 350 km/h von Madrid nach Albacete. Weitere Städte in der Levante sollen nach und nach ebenfalls angeschlossen werden.

High-Tech-Wegweiser

Der Ausbau des Schienennetzes macht nicht nur den Bau neuer Bahnhöfe sondern auch technische Anpassungen erforderlich. Eine moderne Schaltzentrale ermöglicht nun in Albacete die reibungslose Koordination des Zugverkehrs – das Projekt wurde für die 11. Spanische Architektur-Biennale ausgewählt.

Die Planer des Büros Moreno del Valle Arquitectos schufen einen klar gegliederten Gebäudekomplex, der trotz einfacher Formensprache differenzierte visuelle Akzente setzt und das Gelände neu strukturiert. Auf einem künstlichen Plateau, durch wenige Stufen über die Umgebung erhoben, wurden zwei Baukörper so arrangiert, dass wechselnde Perspektiven und spannungsreiche Bezüge entstehen. Ein annähernd L-förmiges, einstöckiges Gebäudevolumen nimmt durch seine geringe Höhe Bezug auf die umliegenden Bestandsgebäude. Dagegen gesetzt ist ein zweistöckiger Quader, der durch seine Höhe den optischen Referenzpunkt des Bahnhofsgeländes darstellt. Hier befindet sich das Kontrollzentrum der Station.

Im Licht der Sicherheit

Im zweigeschossigen Kontrollraum dient eine komplette Wand als großformatiges Display, auf dem die aktuellen Informationen in Form blinkender Lichter abgelesen werden. In diesem Herz der Anlage herrscht rund um die Uhr rege Betriebsamkeit. Eine Reihe von Besprechungsräumen im Erdgeschoss und im ersten Stock öffnet sich zum Kontrollraum, auch von hier aus haben die Beschäftigten ungehinderte Sicht auf die High-Tech-Screens. Von der Konzentration der Angestellten und der fehlerfreien Funktion der technischen Geräte hängt die Sicherheit der Reisenden ab, deshalb legten die Architekten hier besonders großen Wert auf ideale Arbeitsbedingungen bezüglich Ergonomie, Belüftung, und Beleuchtung. Das Erco Lighting Control System reguliert die Einstellungen, um jegliche Blendung zu vermeiden.

„Oberflächen-Spannung“
 
Zwischen beiden Gebäuden ergibt sich nicht nur durch ihre unterschiedliche Höhe, sondern auch durch ihre Fassade eine optische Spannung. Die kontrastierenden Oberflächen verleihen den Modulen ihren individuellen Charakter. Das flache Nebengebäude erhielt ein Betonhülle: Gruppenweise angeordnete, vertikale Vertiefungen sorgen für eine rhythmische Gliederung der Fassade, der helle Beton erstrahlt je nach Tageszeit und Lichteinfall in unterschiedlichen Farbschattierungen. Kontrastierend dazu wurde der Turm des Kontrollzentrums mit einer perforierten Stahlhaut versehen. Die unzähligen Löcher bilden eine dreidimensionale Oberfläche aus, der Stahl reflektiert das Sonnenlicht. Bei Nacht dringt der Schein der künstlichen Beleuchtung aus dem Inneren wie durch ein Sieb nach draußen und zeichnet unendlich viele kleine Lichtpunkte auf die Gebäudehaut.

Die Beleuchtung unterstützt die Rhythmisierung des Gebäudekomplexes. Bodenleuchten entlang der Betonfassaden ermöglichen die abwechselnde Beleuchtung aufeinander folgender Fassadenflächen, wodurch das Gebäudevolumen optisch vergrößert wird. Zudem wurde die Naht zwischen Beton- und Metallfassade durch Leuchten akzentuiert: „Wir wünschten uns ein zierliches Lichtkästchen nahe der Schienen“, so David Moreno del Valle. „Nachts wollten wir die Aufmerksamkeit auf das Gebäude lenken – auf elegante Art und Weise.“

Ein neues Sternbild?

Die kontrastierende Haptik beider Gebäudeteile sowie ihr unterschiedliches Reflektionsverhalten machen den Gebäudekomplex in Albacete zu einem facettenreichen Bau. Während die flachen Gebäude durch ihre vertikalen Elemente im Boden verwurzelt zu sein scheinen, ist der höhere Block von eher luftigem Charakter und verschmilzt optisch mit dem Himmel – tags aufgrund seiner reflektierenden Eigenschaften, nachts aufgrund der ungezählten Lichtpunkte in der perforierten Hülle, deren funkelndes Kleid dem Sternenhimmel Konkurrenz macht.
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