Die etwas andere Cafeteria

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Text: Claudia Simone Hoff
Foto: Zooey Braun


Versicherung? Schon allein das Wort beschwört Bilder von unendlicher Langeweile herauf. Dass man damit aber auch spannende Architektur und aufregendes, ungewöhnliches Design assoziieren kann, beweist ein Projekt in Stuttgart. Am Unternehmenssitz der Württembergischen Versicherung entwarfen Ippolito Fleitz Architekten eine Cafeteria, in der wohl jeder gern seine Mittagspause verbringen würde. Denn hier gibt es keine schmutzig-braunen Resopaltische, unbequeme Stühle, vertrocknete Grünpflanzen oder unansehnliche Raumtrenner. Im Gegenteil: Hier essen auch die Augen mit.


Ippolito Fleitz Architekten hatten für den Bauherrn bereits die Gestaltung des Kundenservicezentrums übernommen, bevor sie den Auftrag erhielten, aus ehemaligen Büros einen Raum für eine Cafeteria zu entwerfen. Diese Cafeteria ist als Ergänzung der eigentlichen Kantine des Unternehmens gedacht.


Dominanz der Fläche


In die Cafeteria eingetreten, gelangt man zuerst in einen Selbstbedienungsbereich. Dieser wird gestalterisch dominiert durch einen weißen Tisch aus Mineralwerkstoff, der einem dreiteiligen Propeller ähnlich aufgebaut ist. Darüber sind drei reduzierte Leuchtkreise angebracht. Flächigkeit wird groß geschrieben im Entrée der Cafeteria: Zum einen ist da der schwarze Kettenvorhang, der eine unattraktive Sicht nach draußen verbirgt, zum anderen sind die visuell sehr disparat erscheinenden Automaten geschickt hinter einem Korpus aus Edelstahl versteckt.

Durch einen schmalen Flur gelangt der hungrige Besucher zuerst zur freistehenden Thekenzeile und läuft dabei über einen Fußboden aus gegossenem, mittelgrauem Terrazzo. Säulen und Begleitwände wurden anthrazitfarbig gepolstert und sorgen ähnlich wie im zeitlich vorher realisierten Kundenzentrum des Versicherungsunternehmens für eine angenehme Akustik.

Warum man auf einer Tulpe sitzen kann

Der Mitte der 1950er Jahre entworfene „Tulip“-Chair des finnischen Architekten und Designers Eero Saarinen, der heute von Knoll International hergestellt wird, bestimmt das Ambiente der Cafeteria. Im großen Speisenraum kommt der formgepresste, mit einer Fiberglas verstärkten Kunststoffschale ausgestattete Stuhl in der weißen Ausführung mit Armlehnen und blauen Sitzkissen daher. Ergänzt wird er vom dazugehörigen runden Tisch – sieben sind es an der Zahl. Das Rund des Tisches wird gestalterisch geschickt aufgenommen von der Deckenkuppel, die durch reflektierende, kreisrunde Scheiben indirekt ausgeleuchtet wird. Und auch in der Fußbodengestaltung – eingelegter Nadelfilz, der durch Edelstahllinien umrissen wird – kehrt das Kreisrund wieder.

Platz nehmen im Speisewagen

Der mittlere, den größten Teil der Cafeteria einnehmende Bereich wird von zwei weiteren Sitzzonen flankiert, die sich durch unterschiedliche Aufenthaltsqualitäten auszeichnen: Hinter einem Raumteiler aus geschwungenen Holzlamellen befindet sich eine lange, beigefarbene Ledersitzbank, deren Rücklehne bis zur Decke hochgezogen wurde und deshalb gleichzeitig als Rückwand fungiert. Hier trifft sich, wer in Ruhe essen oder reden möchte. Dazu im 90°-Winkel und parallel zur gesamten Längsseite des Raums angeordnet befinden sich weitere Sitzgelegenheiten, die in ihrer Anordnung an Speisewagen in Zügen erinnern. Das ist nicht nur dem Material – geweißtem Eichenholz mit schwarzer Sitzfläche – geschuldet, sondern vor allem der alkovenartigen Anordnung der acht Kabinette. In jedem Kabinett befinden sich jeweils zwei gegenüberliegende Bänke, zwischen denen ein Tisch positioniert wurde. Dieser Rhythmus wird geschickt unterstützt durch in die Sitzbänke eingelassene Bodenfluter, einem weiteren Bestandteil der ausgeklügelten Lichtgestaltung des Büros Pfarré Lighting Design.

Auch wenn das Lichtdesign subtil und gelungen ist, kann es eines nicht verdecken: den fehlenden Ausblick. Und wer würde nicht gern nach anstrengender Bildschirmarbeit den Blick schweifen lassen in den blauen Wolkenhimmel?
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