Die fünfte Fassade und der dritte Lehrer

10
Text: Jeanette Kunsmann, Foto: Dietmar Strauss

Der Krach in einer Kita gleicht dem Lärm beim Start eines Flugzeugs. In Tübingen hat das Büro Dannien Roller Architekten + Partner einen Betriebskindergarten für das Max-Planck-Institut erweitert, dessen Besonderheit weit über den Köpfen zu finden ist: Für Rhythmus sorgt das Auf und Ab der Dachlandschaft. Geichzeitig absorbieren die Sauerkrautplatten der Decken jeglichen Lärm.

Jedes Kind hat drei Lehrer: die anderen Kinder, die Erzieher und den Raum. Letzterer dient dabei nicht als eine reine Hülle oder notwendige Betreuungseinrichtung. Die Kita ist der erste Ort, an dem sich Kinder in einer Gemeinschaft zurechtfinden und behaupten müssen, hier werden sie auf die Spiele des Lebens vorbereitet. In einem Kindergarten sollen die kleinen Schützlinge deshalb wie junge Pflanzen gepflegt und gehegt werden, so die Idee von Friedrich Fröbel, Pädagoge und „Vater des Kindergartens“. Ende des 19. Jahrhunderts dienten die Einrichtungen zunächst noch als Anschauungsstätte für die Mütter, die hier den Umgang mit den von Fröbel entwickelten Beschäftigungsmitteln und Spielzeugen erfahren sollten. Heute sprechen Pädagogen vom „Raum als drittem Erzieher“ und weisen damit der Kindergarten-Architektur eine entscheidende Rolle zu.

Den Architekten fallen dazu die unterschiedlichsten Konzepte ein: mal wild und kunterbunt, mal ganz natürlich aus Holz oder Lehm oder doch lieber neutral und rein, damit sich die Kinder frei entfalten können. Es gilt, Räume zu entwerfen, die den Kindern einerseits Geborgenheit vermitteln, andererseits Herausforderung sind und nebenbei auch noch all den DIN-Normen und Sicherheitsvorschriften entsprechen.

In Tübingen hat das Büro Dannien Roller Architekten + Partner jetzt einen Betriebskindergarten für das Max-Planck-Institut erweitert, dessen Besonderheit weit über den Köpfen zu finden ist: Für Rhythmus sorgt das Auf und Ab der Dachlandschaft. Diese schmiegt sich elegant auf drei Seiten in den Bestand, ein ehemaliges Direktorenwohnhaus aus den Fünfzigerjahren. Für die Architekten war die Dachfläche als fünfte Fassade aufgrund der Nähe zu einem benachbarten viergeschossigen Institutsgebäude gestaltungsrelevant – mit verschiedenen Höhen und Neigungen soll es in der Aufsicht als Fortführung der Landschaft wahrgenommen werden, erläutern die Planer und im Inneren den unterschiedlichen Nutzungen entsprechende Raumqualitäten zuweisen. Eine ungewöhnliche Lösung ist dabei die Farbe: Mit einem zarten Rosa bilden die Akustikpaneele eine unübersehbare Topografie.

Dem Team von Maren Dannien und Matthias Roller ging es dabei nicht nur um eine sichtbare Ästhetik, sondern auch um die Raumatmosphäre. Was bei einer Kita gar nicht so einfach ist, vergleicht man allein die Grundlautstärke in einem Kindergarten von bis zu 80 Dezibel mit den zulässigen Geräuschemissionswerten einer Baustelle, die bei 60 Dezibel liegen. Als gutes Gegenmittel dienen Lärm absorbierende Raumelemente. Dannien Roller Architekten haben deshalb die Deckenuntersicht in allen Aufenthaltsräumen mit Holzwolle-Akustikplatten von Heradesign des niederbayerischen Herstellers Knauf verkleidet: einem Material mit ausgezeichneten akustischen Eigenschaften, das außerdem für eine minimierte Nachhallzeit in den Räumen sorgt.

Decke mit Heradesign-Platten im unregelmäßigen Läuferverband

Doch warum Rosa? In ihrem Materialkonzept für die Innenräume sehen die Architekten neutrale Wände vor, die den Kindern und Erziehern größtmögliche gestalterische Freiheit bieten sollen. „Begrenzt werden die hellen Wandflächen von einem grüngrauen Bodenbelag sowie einer rosa Deckenuntersicht“, sagt Maren Dannien. „Die Farbwahl wurde getroffen, da ein warmer Farbton die behütete Atmosphäre in den geschützt gestalteten Räumen unterstreicht. Aus demselben Grund wurde ein heller, nicht zu kräftiger Farbton gewählt.“ Rosa harmoniere außerdem mit dem Grün des Außenbereiches und dem Blau des Himmels. „Zudem unterstützt die Farbe die leicht inhomogene, aber dennoch artifizielle Wirkung der Sauerkrautplatten.“

Wichtiger als jedes Wort einer Architekturkritik bleibt das Urteil von Kindern, Eltern und Erziehern. In der Kita Planckton fühlen sich alle wunderbar wohl mit ihren neuen Räumen. Mehr Lob können Architekten kaum bekommen. 

Grundriss und weitere Pläne
3

Weitere Artikel 13 - 23 von 23 Aufstockung mit Außentreppe Drei Fenster zum Tal: Holzbau in den Dolomiten Neobarock im Rampenlicht Liebe und Licht: Erotik à la Karim Rashid Das leuchtende Klassenzimmer Auferstehung aus der Asche: Licht im Pott James Turrell: Leuchten im Berg Licht und Schatten im Louvre Abu Dhabi Fahrstuhl-Kunst: Erleuchtung in Linz Peterchens Mondfahrt: Kinderklinik in Madrid Clara und Cobogó: Wohnhaus in Brasília

Alle Neuheiten der interessantesten Hersteller und Designer auf einen Blick.