Die zwei Hälften des Bürogehirns

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Text: Jasmin Jouhar
Foto: Fabien Thouvenin


Auf welchen Gegenstand in Ihrem Büro könnten Sie am leichtesten verzichten? Das Telefon? Vielleicht. Den Papierkorb? Eher ungern. Den Schreibtischstuhl? Ganz bestimmt nicht, oder? David Edwards ist da entspannter: Der Harvard-Professor und Gründer des experimentellen Think Tanks „Le Laboratoire“ in Paris sitzt beim Arbeiten am liebsten bequem zurückgelehnt, den Laptop auf den Knien. Entsprechend ungewöhnlich fällt die Möblierung seines Büros im Laboratoire aus, das der französische Designer Mathieu Lehanneur geplant hat: Korkhocker von Jasper Morrison, ein Bugholzstuhl von Frank Gehry und ein von Lehanneur selbst entworfener geodätischer Dom zum entspannten Sitzen – liebevoll „Bucky’s Nightmare“ genannt, nach dem Meister der geodätischen Architektur R. Buckminster Fuller. Einen klassischen Bürodrehstuhl, den gibt es in Edwards „LaboBrain“ allerdings nicht. Ebenso wenig wie ein eigener Schreibtisch für den Wissenschaftler.

Neben dem 65 Quadratmeter großen LaboBrain als Arbeitsplatz für David Edwards ist Mathieu Lehanneur auch für die Gestaltung des „LaboShop“ verantwortlich. Beide Räume befinden sich im Erdgeschoss des Laboratoire-Gebäudes im ersten Arrondissement im Zentrum von Paris. Der Biomediziner Edwards gründete das Laboratoire als Ort für Experimente und Projekte im Grenzbereich zwischen Wissenschaft und Kunst. Und finanzierte das nicht-kommerzielle Unternehmen mit dem Geld, das er durch den Verkauf eines Unternehmebs für medizinische Instrumente verdient hatte.

Schokolade zum Inhalieren

Im Laboratoire treffen Vertreter so verschiedener Disziplinen wie Mathematik, Naturwissenschaften, Fotografie, bildende Kunst oder Musik aufeinander. Die Ergebnisse ihrer gemeinsamen Arbeit sind dann als Ausstellungen im Haus zu sehen und führen manchmal auch zu neuen Produkten, die dann im LaboShop angeboten werden. Aktuell sind Edwards und sein Team besonders stolz auf Le Whif: Dabei handelt es sich um Schokolade zum Inhalieren. Le Whif soll zwar das beliebte Geschmackserlebnis bieten, ohne sich dabei jedoch in der Kalorienbilanz niederzuschlagen.

Zwei Hirnhälften, zwei Raumteile

Edwards Arbeitraum LaboBrain vermittelt seine Konzeption schon im Namen: Mathieu Lehanneur lies sich vom Aufbau des menschlichen Gehirns mit seinen zwei verschiedenen Hälften inspirieren. Der vordere Teil des Büros mit der Fensterfront zu Straße soll der linken Hälfte des Hirns entsprechen, die Informationen eher intuitiv und emotional verarbeitet. Der hintere Teil des LaboBrain repräsentiert die rechte, rationale Hälfte.
So unterschiedlich die Denkweisen, so unterschiedlich auch die beiden Bürohälften: Der vordere Teil wird dominiert von einem beinahe raumhohen, gekurvten, glänzend-weißen Volumen, das dem ziemlich kastigen Raum einen gewissen Schwung verleiht. Es grenzt zudem die intuitive von der rationalen Arbeitswelt ab. Die mit Teflon und Kunstharz beschichtete Oberfläche des Raumelements lässt sich wie eine Tafel beschreiben. Der Kern besteht aus mit Fiberglas umhülltem Schaum.

Versuchskaninchen im Moosbeet

Die große Fensterfront bietet Passanten freien Einblick in David Edwards Arbeitsplatz. Er selbst sieht sich gern als das Versuchskaninchen in seinem Forschungs-Laboratorium. Doch anders als bei Labor-Tieren hat er sich selbst etwas mehr Privatsphäre zugestanden: Ein großer Vorhang schirmt ihn bei Bedarf gegen die Straße ab. Ein Teil des Bodens im vorderen Bereich ist geöffnet und mit einem Metallgitter abgedeckt. Darunter sprießen Moose, die mit wenig Licht auskommen und das Raumklima verbessern sollen. Dieses „unterirdische“ Beet führt bis in den hinteren Teil des Raums und verbindet so die gegensätzlichen Hälften. Auch ein Luftreiniger namens „Andrea“ trägt seinen Teil zum Klima bei: In dem ebenfalls von Mathieu Lehanneur entwickelten Gehäuse wachsen Pflanzen, die die Raumluft filtern sollen. Andrea geht gerade in Serie und ist im LaboShop erhältlich.

Entlang der Wand aufgereiht und aufgestapelt sind die Aufbewahrungscontainer Delicious, ein weiterer Entwurf Lehanneurs. Sie wurden in vier Größen für das LaboBrain hergestellt. Ihre Hülle besteht aus geprägten Edelstahlblechen wie sie auch bei den Ständen der fliegenden Hot-Dog-Händler in Manhattan zum Einsatz kommen. Einige der Elemente sind farbig lackiert, das Innenleben besteht aus Holz.

Das Gedächtnis in Archivkartons

So kurvig und offen wie es vorn zugeht, so abgeschlossen und streng präsentiert sich das LaboBrain im hinteren, ganz in Weiß gehaltenen Teil. In der rationalen Hälfte des Bürogehirns arbeitet David Edwards’ Assistent und dort befindet sich auch das Archiv. Ein großer weißer Arbeitstisch dominiert den Raum. An den Wänden türmen sich zahllose weiße Archivkartons. Sie sollen Platz bieten für mehrere Jahrgänge an Unterlagen und Korrespondenz des LaboBrain – in diesem Gehirn ist der Ort des Gedächtnisses klar bestimmt.

Vom Laden zur Küche und zurück

Neben David Edwards Experimental-Büro gestaltete Mathieu Lehanneur auch das Interieur des LaboShop im selben Gebäude – ebenfalls ganz in Weiß. Dabei ging es darum, den kleinen Raum möglichst flexibel zu halten. Wo tagsüber Schriften und Produkte des Laboratoire verkauft werden, baut abends der Koch Thierry Marx seine Versuchsküche auf. Unter dem Titel „FoodLab“ serviert er experimentelle Molekularküche. Lehanneur löste die Aufgabe, indem er Vitrinen installierte, die mittels eines Scherenhubmechanismus’ hoch und runter gefahren werden können. Tagsüber können in den Glaskästen die Produkte ausgestellt werden, abends verschwinden sie in der Decke und machen Platz für den Koch und seine Gäste – ein weiteres Experiment in einem ganz dem Versuchen und Ausprobieren gewidmeten Haus.
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