Digitaler Faltenraum

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Text: Norman Kietzmann
Foto: Virgile Simon Bertrand


Tokio ist um eine weitere Boutique aus bekannter Architektenhand reicher: Zaha Hadids neuen Flagshipstore für den Mailänder Modedesigner Neil Barrett. In zurückhaltenden Räumen aus grauem Sichtbeton ließ die Pritzer-Preisträgerin zwei dynamische Raumsskulpturen entfalten, die in ihrer formellen Sprache zugleich mit den Kollektionen des
britischstämmigen Designers vermitteln.

Galten in den neunziger Jahren vor allem Museen als Schaufenster zeitgenössischen Bauens, wurde dieser Kanon in den vergangenen Jahren zunehmend um eine weitere Disziplin erweitert: der Planung von Boutiquen für  internationale Modemarken. Fallen deren Auftritte in den europäischen Metropolen noch vergleichsweise bescheiden aus, wird vor allem im asiatischen Raum die Architektur als bewusstes Mittel der Inszenierung eingesetzt. Für die Architekten liegt der Reiz von jenen Projekten, die gegenüber den Bauaufgaben in Dubai oder China geradezu winzig erscheinen, dennoch auf der Hand. Schließlich können sie, anders als bei der Planung ganzer Gebäude, frei von den Auflagen örtlicher Baubehörden oder des Denkmalschutzes agieren und erhalten somit Carte Blanche für ihre Gestaltung.

Die Architektur der Mode

Vor allem für Zaha Hadid müssen diese Umstände mehr als erholsam erscheinen, werden nicht wenigen ihrer Projekte, allen voran in Europa, immer wieder empfindliche Abstriche abverlangt. Erstaunlich ist an dieser Stelle vielmehr, dass ihr Londoner Büro bisher noch keinen Konsumtempel gestaltet hat, während weit weniger „modische“ Kollegen wie Toyo Ito (Tod‘s), David Chipperfield (Dolce & Gabbana), Massimiliano Fuksas (Armani), John Pawson (Calvin Klein) oder SANAA (Dior) längst für die großen Modemarken aus Paris, Mailand und New York tätig waren. Erst 2007, als Zaha Hadid einen temporären Ausstellungspavillon für Chanel entwarf, entstand ein konkreter Kontakt zur Modewelt. Doch auch hierbei blieb die Bauaufgabe die Gestaltung eines Museums und nicht einer auf das Image einer bestimmten Marke zugeschnittenen Boutique.

Eigene Identität

Neil Barrett, der sich in den neunziger Jahren als Chefdesigner der Männerlinie von Prada einen Namen gemacht und die Herrenmode in jener Zeit mit minimalistischen Schnitten und innovativen Hightechstoffen neu belebt hat, setzt derweil auf das Wachstum seines eigenen Labels. Dieses hatte der gebürtige Brite bereits 1999 gegründet und seit 2006 um eine eigene Linie für Frauenmode erweitert. Dass er für die Planung seines neuen Tokioer Geschäftes nicht auf die Prada-Hausarchitekten Rem Koolhaas und Herzog & de Meuron zurückgreifen wollte, die in den Jahren 2003 und 2004 die „Epi-Center“ getauften Flagship-Store der Mailänder Traditionsmarke in Tokio, New York und Los Angeles entwarfen, erscheint verständlich. Schließlich muss auf dem hart umkämpften japanischen Markt auch die Mode ein klar erkennbares und individuelles architektonisches Profil entwickeln.

Fließender Raum

Die Entscheidung für Zaha Hadid scheint an dieser Stelle weise. Nicht nur, weil sich bisher kein einziger Bau der Pritzker-Preisträgerin in Japan befindet und die neue Boutique somit automatisch den Status einer Pilgerstätte für Architekturinteressierte erhält. Vor allem auch, weil in diesem Fall die gestalterische Handschrift Barretts zugleich in der räumlichen Wirkung der Boutique ihren Widerklang findet. Zaha Hadid, die auch hier ihrer stilistischen Sprache treu blieb, vermochte diese auf geschickte Weise in den Kontext einer Modeboutique zu erweitern. Wirkt die sich über zwei Etagen erstreckenden Boutique mit ihren Wänden aus Sichtbeton puristisch karg, setzt sie als bestimmendes Element auf raumfüllende Skulpturen aus weißem Corian. Zusammengesetzt aus zwei aneinander gelehnten, gekrümmten „Wänden“, erscheinen diese auf der einen Seite wie akkurate, scharfschneidende Klingen und fächern sich zur anderen Seite auf, als wären sie übereinander gelagerte Schichten von Stoff. Als Regale der etwas anderen Art können auf ihnen Kleidungsstücke oder Accessoires präsentiert werden, ohne in die Statik klassischer Präsentationswände zu verfallen. Die Komplexität der Form, die sich nicht aus einer einzigen Perspektive heraus wahrnehmen lässt, verleiht dem Raum unterdessen zusätzliche Dynamik: Schließlich will die Raumskulptur als Ganzes umrundet werden.

Spiel der Kontraste

Zaha Hadid, die sich für das Design der „Wandskulpturen“ verschiedene Verarbeitungstechniken der Mode zum Vorbild nahm – vom Nähen über Schneiden, Falten bis hin zum Plissieren – sieht das Konzept der neuen Boutique in der Kombination von Gegensätzen – gleichbedeutend für die beiden Linien, die Neil Barrett für Frauen und Männer entwirft. Während die Raumskulptur im Erdgeschoss als eine strenge, maskuline Form gestaltet wurde, zeigt ihr Pendant im Obergeschoss deutlich weichere und fließendere Züge. Auch in der Materialität setzt sich der Gedanke weiter fort, wenn die Elemente aus Corian auf den grauen Beton der Wände treffen. Der schwarzglänzende Boden, der sich wiederum selbst von den matten Oberflächen des Interieurs absetzt, schafft mit seinen diffusen Reflexionen zugleich den Eindruck räumlicher Weite.

Architekten in der Mode

Dass Architekten in der Mode nichts Fremdes sind, zeigen unter anderem die japanischen Designer Yohji Yamamoto sowie die Gründerin von Comme des Garçons, Rei Kawakubo. Beide haben die Mode in den 1980er Jahren grundlegend verändert, indem sie ihren architektonischen Zugang zu Raum in neue Silhouetten haben einfließen lassen. Auch wenn Zaha Hadid derweil noch keine ähnlichen Ambitionen hegt, hat sie mit einer eigenen Kollektion von Schuhen für das brasilianische Label „Melissa“ bereits 2008 den ersten Schritt in diese Richtung gewagt. Wer weiß, vielleicht finden sich die dynamischen Formen der gebürtigen Irakerin eines Tages nicht nur auf den prominenten Baustellen rund um den Globus wieder, sondern bestimmen bald die Laufstege der Pariser Modewoche?
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