Mitten im Leben

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Text: Franziska Horn


Mitte September hat in Münchens Szene-Viertel Glockenbach das „Roeckl Restaurant“ eröffnet. Inspiriert von Jamie Olivers Restaurant „Fifteen“ in London steht das Roeckl für ein sozial integratives Konzept. Das ausgefallene Interieur stammt aus der Hand von Ex-Grcic-Mitarbeiter Nitzan Cohen und hebt sich wohltuend von den Schicki-Micki-Locations der Bayernmetropole ab: Mit der Schlichtheit eines improvisiert wirkenden Ladengeschäfts setzt es auf bodenständige Küche und auf eine Ausstattung mit hintergründigen Details.

„Ist Nitzan schon da?“ – Der Kellner zögert kurz. „Wer?“ fragt er zurück. Gut, den ebenso verbreiteten wie unangenehmen Personenkult um Designer scheint man hier am Roecklplatz unweit der Isar nicht zu pflegen. Der letzte unbemannte Zwei-Personen-Tisch ist schnell ergattert – volles Haus, obwohl Montagabend nicht wirklich ein Ausgeh-Tag ist. Da kommt er auch schon, der Designer, pünktlich zum Interview-Termin im selbst kreierten Ambiente. Ein rascher Blick durch das Lokal zeigt: Als Stylingtempel hat Cohen die neue Münchner Gastro-Adresse nicht konzipiert – und das ist nun schon der zweite Pluspunkt.

Anders als woanders

Was anders ist am Roeckl? Es vereint gleich zwei gastronomische Zonen in sich: Da gibt es zum einen die Wirtschaft im Barbereich. Hier kann man – ohne Reservierung – Speisen von der Tageskarte ordern. Visuell abgegrenzt, doch ohne harte Brüche, schließt sich Fine Dining an, wo die Gäste reservieren und zwischen zwei Menüs wählen können. Neben diesem Two-in-One-Konzept bietet das „Roeckl“ Bio-Küche mit Zutaten aus regionalen Betrieben. Das bemwerkenswerteste am Projekt aber ist, dass es zwölf Ausbildungsplätze für sozial benachteiligte Jugendliche bietet, die hier lernen sollen, Verantwortung zu übernehmen und auch, worauf es in einem gut gehenden Restaurant ankommt. Die Idee hierzu stammt von Sandra Forster, Michi Kern und Markus Frankl, die zuvor schon Konzepte für andere Münchner Gastro-Adressen erfolgreich umsetzten.

Vom Kibbuz bis Jamie Oliver

Eines dieser Restaurants hatte Nitzan Cohen, ein junger Designer aus dem Büro von Konstantin Grcic, gestaltet. Ihn verpflichtete Sandra Foster auch für die Gestaltung des Interiors des Roeckls. Cohen, inzwischen selbstständig, stand vor einer besonderen Aufgabenstellung – sowie vor einem begrenzten Budget, das sich zum Teil auf Sachspenden gründete. Von Spenden lebt teils auch der Träger des Projekts, die Heilpädagogisch-Psychotherapeutische Kinder- und Jugendhilfe HPKJ. Cohen kam die Aufgabe sehr entgegen: „Ich bin selbst in einem israelischen Kibbuz mit sozialistischem Hintergrund aufgewachsen,“ erzählt er und fügt hinzu: „Es freut mich, Teil von etwas zu sein, von dem am Ende alle profitieren – und nicht nur ein Einzelner.“ Eine klare Anspielung auf das von Jamie Oliver erdachte „Fifteen“ in London,  wo der Starkoch unterprivilegierten Jugendlichen zu einer Karriere im Küchen-Business verhelfen möchte. Und das mit Erfolg, denn neben dem Londoner Mutterschiff gibt es inzwischen Filialen in Amsterdam, Cornwall und Melbourne.

Ein logischer Entwurf

Cohen blickt jedoch kritisch auf Olivers Tu-Gutes-und-rede-darüber-Restaurant nebst globalisiertem Retro-Styling: „Hier geht es ganz klar um Markenbildung. Die Jugendlichen verdienen nicht wirklich daran – Jamie Oliver womöglich schon,“ gibt Cohen zu bedenken und resümiert: „Hier in München geht’s nicht um Ruhm, hier geht’s nur um die Sache.“ Seinen Restaurant-Entwurf prägte er von der Logik her und entwickelte ihn in einem gemeinsamen Prozess. Inspirieren ließ sich der Designer dabei von Großküchen – und von einem Besuch im Lebensmittel-Großhandel. Von diesem brachte er die Idee mit, industrielle Metall-Regale vom Boden bis zur Decke zu installieren, die nun die gesamte Rückfront des L-förmigen Lokals bedecken. Ihre Fächer bergen so ziemlich alles, was die Küche benötigt: Kaffee in Glasbehältern, Weinflaschen und riesige Dosen voller Sauerkraut, Rotkohl oder Gewürzgurken. Und das nicht zu dekorativen Zwecken – das Restaurant ist zugleich Stauraum und der Gast wird somit in den Prozess des Kochens einbezogen. Dies unterstreichen auch die hölzernen Schwingtüren zur Küche hin, welche die Grenzen zwischen Kochen und Speisen, zwischen Gast und Personal auflösen. Für Cohen haben die raumfüllenden Regale mehr als nur praktischen Nutzen: „Sie sollen jenes Gefühl vermitteln, das ein kleines Kind in einem großen Kaufhaus hat.“ Ein Kniff, denn mit dieser gemeinsamen räumlichen Perspektive stellt er Azubis und Gäste hierarchisch auf eine Stufe. „Vor diesen hohen Regalen sind alle gleich“ könnte man das nennen.

Doch diese Botschaft kommt nicht missionarisch mit dem Zeigefinger daher, sondern eher nebenbei, erkennbar für den, der sie sehen will – während er auf Denim-bezogenen Polstern oder auf Thonet-Stühlen sitzt, an kleinen quadratischen Tischen mit individuell gemaserten Schichtholz-Flächen. Der schlichte Betonestrich wurde speziell imprägniert und weist wie die meisten Oberflächen lebendig wirkende Texturen oder Patina auf. Mundgeblasene Kugel-Lampen von Classicon, ebenfalls eine Spende, werfen ein heimeliges Licht auf die mit einer Mischung aus Öl und Seife behandelten grauen Wände, an denen mit Glühlämpchen besetzte Großbuchstaben Akzente setzen. In der Fine-Dine-Area speist der Gast an Grcics „Pallas“-Tischen oder thront auf dem Stuhlmodell „Venus“, ebenfalls von Grcic entworfen und verlegt von Classicon. „Im Grunde ist das alles hier kein Design in dem Sinne, wie es die meisten verstehen. Es sind vielmehr Instrumente, die eine Idee transportieren sollen,“ sagt Cohen – und kehrt damit zur ursprünglichen Idee von Design zurück: Design als ästhetisch orientierter Helfer, nicht als Selbstzweck mit Status-Symbolik.

Dass die Gäste das Konzept annehmen und sich offensichtlich wohlfühlen zeigt eine gewisse Lautstärke im Lokal – und eine Atmosphäre, vergleichbar mit einer heimischen Dinner-Party, wo sich am liebsten alle in der Küche treffen. „Einen Raum für jemand zu entwerfen, ist wie eine Pflanze zu setzen, bei der man hofft, dass sie von sich heraus wächst,“ sagt Cohen dazu schlicht.
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