Dinner in Pastell

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Text: Tanja Pabelick
Foto: Kerstin Weidemeyer

Das neue Münchner Restaurant lilli p. folgt einer alten Weisheit: Das Auge isst mit. Das gilt allerdings nicht nur für die Inszenierung auf dem Teller, sondern auch für die der Räume. Designerin Stephanie Thatenhorst hat ein Universum geschaffen, das eine bewusste Hommage an den einen großen Meister des Set-Designs ist. Kein geringerer als Wes Anderson stand Pate für den Stil des Interieurs.

Wenn es um gute räumliche Inszenierungen mit Retro-Charme geht, dann fällt früher oder später der Name Wes Anderson. Die detailgenauen Sets des Regisseurs sind eine Liebeserklärung an die Fünfzigerjahre, die gerade deshalb einen starken visuellen Sog ausüben, weil sie überzeichnet sind. Dass das neue Münchner Restaurant lilli p. – benannt nach seiner Lage auf der Lilli-Palmer-Straße – Überschneidungen mit dem Werk des US-amerikanischen Filmemachers haben könnte, wirkt auf den ersten Blick eher unwahrscheinlich. Die Lage am Arnulfplatz ist nicht unbedingt lauschig, das Gebäude – ein neu errichteter Bürokomplex – eher kühl. Wer durch die Tür tritt, erlebt allerdings unmittelbar einen cineastischen Effekt – denn sofort ist die Welt draußen vergessen und der Gast mittendrin in einer pastellfarbenen und hochflorigen Ästhetik im Stil der Fifties.

Kulinarische Serientäter
Verantwortlich für die Gestaltung der Räume zeichnet die Münchner Innenarchitektin Stephanie Thatenhorst, für die das Restaurant auch eine Familienangelegenheit ist. Eröffnet wurde das lilli p. von ihrem Mann Markus Thatenhorst und seinem Bruder Florian Thatenhorst, die in der lokalen Gastro-Szene keine Unbekannten sind. Sie betreiben auch das Münchner Occam Deli und die beliebte, aber kürzlich geschlossene Theresa-Bar, die ebenfalls von Thatenhorst entworfen wurde. In diesem Fall als Hommage an James Bond und die Siebziger. Im lilli p. war Wes Anderson die erklärte Referenz – und das hieß für die Gründer vor allem Arbeit am Detail, die von den Bodenbelägen über das Mobiliar bis zum Seifenspender reicht.

Samt und flauschig
Zuerst beeindruckt im lilli p. die schiere Raumhöhe. Das Restaurant nimmt zwei Etagen ein und nutzt diese zur Frontseite als einen Raum. Die 7,50 Meter Deckenhöhe und die ebenso langgestreckten und mit Vorhängen dekorierten Fenster sorgen für eine fast sakrale Atmosphäre. Von den Decken hängen eigens entworfene, filigrane Leuchter, die sich in Kaskaden verzweigen und runde Leuchtkugeln in den Raum werfen. Ihre orangefarbenen Silhouetten setzen sich vor der roh belassenen Sichtbetonwand und den mit Holz verkleideten Decken ab. Eiche, erklärt die Designerin, bestimmt im gesamten von Antonio Citterio entworfenen Gebäude als führendes Material die Stilistik, die aufgegriffen, jedoch individuell für das lilli p. interpretiert worden ist. Maßgeschneidert sind auch die Möbel. Auch sie hat Thatenhorst selbst entworfen – und auf das Restaurant und seine verschiedenen Funktionsbereiche von Tresen bis Lounge-Bereich angepasst. Daneben gibt es viel Textil und Tapete, Textur und Terrazzo, und die Abwechslung sorgt für ein lebendiges Ambiente mit vielen gemütlichen Momenten.

Ein Interieur für alle Fälle
Das Erdgeschoss wurde komplett mit Terrazzo ausgegossen, in der ersten Etage, in die sich fast dramatisch eine breite Treppe windet, liegt hochfloriger Teppich. Dadurch entsteht eine intimere Dinner- und Bar-Atmosphäre, die sich von der kühlen und sakralen Weite mit viel Luftraum im Erdgeschoss abhebt. Unten herrscht vielmehr Café-Ambiente und Selbstbedienungskultur, auch gestützt durch die schmalen, horizontal montierten Holzlatten, die die gekachelte Wand zur großformatigen Displayfläche machen. Auf ihr stehen kleine schwarze Buchstaben, die sich zum Menü zusammensetzen, verstellt werden können und einen Hinweis auf die wechselnde, saisonale Küche geben. Das Gesamtkunstwerk jedenfalls ist durchaus so akkurat wie die Raumwelten Andersons – und lädt zu einer Pause in Pastell bis Plüsch, von mondän bis modern ein.

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