Dinner mit Tom Dixon

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Text: Norman Kietzmann
Foto: Peer Lindgreen

Design geht durch den Magen – zumindest wenn es nach Tom Dixon geht. Der Londoner Designer und Unternehmer mischt sich unter die Mailänder Gastronomen: mit einem Hybrid aus Showroom, Boutique, Restaurant und Bar, genannt The Manzoni. Mitte Mai hat der kulinarische Verkaufsraum offiziell geöffnet. 

Einkaufen ist nicht gleich Einkaufen. Steht beim Gang in den Supermarkt oder Baumarkt vor allem Effizienz an vorderster Stelle, sieht die Situation bei Boutiquen anders aus. Waren werden nicht einfach nur ausgebreitet, sondern in ein Raumerlebnis eingebunden. Es entstehen eigene Welten, bei denen die Zeit zum entscheidenden Faktor wird. Je länger man dort verweilt, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass man etwas kauft. Wie sich der Zeitrahmen von Minuten auf mehrere Stunden dehnen kann, beweist die neue Boutique von Tom Dixon in Mailand. Sie ist kein Verkaufsraum im herkömmlichen Sinne, sondern geschickt als Restaurant und Bar getarnt.

Ein großer Granitblock dient im Eingangsbereich als Bar.  

Auf Lippenfühlung 
„Es gibt nichts Verstaubteres als einen konventionellen Leuchten- und Möbel-Showroom. Mit The Manzoni können die Menschen die neuen Kollektionen in einem aktiveren Kontext erfahren“, sagt Tom Dixon. Interessierte Kunden, die ganz bewusst den Weg zu diesem Ort finden, können sich die neuen Produkte in einer realen Umgebung ansehen. Sessel, Stühle und Tische stehen auf dem Boden und können ausprobiert, statt lediglich auf Sockeln betrachtet zu werden. Leuchten hängen dort, wo man sie auch in einer Wohnung platzieren würde. Doch die Wirkung reicht sehr viel weiter. 

Wer diesen Ort zum Essen aufsucht, verbringt dort anderthalb bis zwei, manchmal auch drei Stunden. Genug Zeit, um die Qualität der Sitzmöbel und Leuchten zu beurteilen, ebenso aber auch die ebenfalls von Tom Dixon produzierten Gläser in den Händen und an den Lippen zu spüren. Während des Essens baut sich ein unterbewusstes Verkaufsgespräch auf. Eine Kommunikation, die ohne Verkäufer auskommt und allein zwischen den Produkten und den Gästen entsteht. Guter Nebeneffekt für erste Dates: Wenn das Gegenüber langweilt, können die Blicke in der Zwischenzeit im Raum auf Möbeljagd gehen. 

Infusion der Gegenwart
Dass sowohl die erste und zweite Kategorie zum Tragen kommen, bewirkt die Adresse an der quirligen Via Manzoni Nummer 5. Direkt nebenan liegt die jüngst von John Pawson umgestaltete Valextra-Boutique, auf der anderen Straßenseite das Museo Poldi Pezzoli. Das Opernhaus La Scala befindet sich nur eine Minute Fußweg entfernt. Ein weiterer Pluspunkt: Bisher atmen die kulinarischen Adressen im Umkreis fast ausnahmslos den Charme des 19. Jahrhunderts. Höchste Zeit also für eine Infusion der Gegenwart. In den Räumen hat es bereits zuvor ein Restaurant gegeben. Es hieß Alta und wurde vom Dachverband der italienischen Luxus-Unternehmen geführt, der Gamma Alta. Jedoch waren Interieur und Speisekarte zu unterkühlt und austauschbar. Genau das wollte Tom Dixon ändern, indem er vor allem auf eines setzt: Atmosphäre.

Stilles Örtchen mit fotogenen Qualitäten. 

Instagramtaugliches Örtchen
Am Eingang fällt der Blick auf große Stahlvitrinen für Gläser und einen riesigen Granitblock, der als Bar dient. Dahinter folgt eine kleine Lounge-Ecke für die Aperitivo-Stunden. Im Anschluss sind rechteckige Tische mit Korkoberfläche (zusammen mit den Stahlvitrinen die einzigen Möbel im Innenraum, die nicht zu kaufen sind) zu einer langen Reihe aufgestellt. Darüber hängen Pendelleuchten aus der Serie Opal dicht an dicht, sodass sie sich vor dem Auge des Betrachters zu einer illuminierten Perlenkette zusammenfügen. Am Ende der Tischreihe fällt der Blick durch eine Glasscheibe in die Küche. Auf der linken Seite geht es zu den Toiletten, die nicht nur mit Marmorfliesen und Messingleuchten aufwarten, sondern ebenso mit einem riesigen Granitblock, der als Waschbecken fungiert. 

Rechterhand setzt sich der Raum mit kleinen Vier- und Zweipersonen-Tischen fort, die mit ockerfarbenen Marmorplatten aus Italien und grünlich schimmernden Natursteinplatten aus China bedeckt sind. Dahinter öffnet sich ein weiterer Raum, der mit Pflanzen opulent bestückt ist und an den Salon eines altehrwürdigen Londoner Gentleman-Clubs denken lässt. Ein großer Tisch aus Messing kann in den Abendstunden für separate Dinnerrunden genutzt werden. Am Tag dient er als Besprechungsort für den Vertrieb, der direkt daneben in einem weiteren Büroraum sitzt und von der Via Manzoni aus künftig den zentraleuropäischen Markt bedienen wird.

Europäische Zentrale
Bereits im vergangenen Jahr hat Tom Dixon seine neue Zentrale am Londoner King’s Cross bezogen und unterhält zudem eigene Verkaufsräume in New York, Los Angeles, Hongkong und Tokio. Mit der Mailänder Dependance ist der erste Standort in Kontinentaleuropa hinzugekommen. „Nachdem wir jahrelang während des Salone del Mobile fünftägige Ausstellungen in Mailand organisiert haben, haben wir entschieden, dass wir genug davon haben, weiterhin so viel Energie in Pop-Up-Interventionen zu stecken“, erklärt Tom Dixon. 

In dem Restaurant-Geschäft sollen fortan die neuen Produkte vorgestellt werden, ohne jeweils neue Locations anmieten zu müssen und dafür horrende Summen auf den Tisch zu legen. Der Zeitpunkt dieser Unternehmung kommt jedoch nicht ganz zufällig. „Der nahende Brexit, ganz gleich ob oder wann er nun stattfindet, hat sicher auch mit eine Rolle gespielt“, sagt Simone Piccolo, der als Geschäftsführer für den italienischen Markt im The Manzoni sein Büro bezogen hat. 

Kulinarische Adresse
„Italienische Küche mit einem Twist“, verspricht der Koch Davide Figliolini, der zuvor in den Sternerestaurants DiverXO in Madrid und Acquolina in Rom am Herd stand. In Mailand möchte er immer auch Elemente aus seiner römischen Heimat mit einfließen lassen. Nachdem The Manzoni während der Mailänder Möbelmesse im April erstmals geladenen Gästen vorgestellt wurde, folgte eine mehrwöchige Eingewöhnungsphase, um Küche und Service einzuspielen. Der Ort wurde in dieser Zeit vor allem für Firmenevents genutzt. Seit Mitte Mai hat das Restaurant offiziell geöffnet. Wer sich nicht für das Essen, sondern allein für das Design interessiert, kann auch ohne Voranmeldung zwischendurch vorbeischauen.

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