Divergenz und Harmonie

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Text: Uli Meyer
Foto: F Studio

Erst kürzlich ist das Architekturbüro F Studio von Rio de Janeiro nach São Paulo gezogen. Hier, in der größten Stadt Südamerikas, versprechen sich Flávia Araújo, Fernando Fernandes und Felipe Vargas neue Impulse für ihre Arbeit. Als Showroom, als Studio zum Arbeiten und auch als Wohnhaus hat sich das Trio das Einfamilienhaus Casa F, Baujahr 1964, im Stadtteil Sumaré ausgesucht und es liebevoll saniert. Die Architektursprache des Hauses harmoniert perfekt mit den Möbelentwürfen des Studios.

Erste Entwürfe aus der Autowerkstatt
Kennengelernt haben sich die drei während des Architekturstudiums in Juiz de Fora, einer Stadt im brasilianischen Bundestaat Minais Gerais. Ihnen war schnell klar, dass sie nach dem Studium etwas zusammen aufziehen wollten. Nach einigen Auslandssemestern in Buenos Aires begannen sie 2013 in Rio de Janeiro Vintage-Möbel zu verkaufen. Bereits  da bewiesen sie ein sicheres Händchen für Orte: Sitz des Ladens war die ehemalige Bhering-Schokoladenfabrik, die sich gerade als hippes Off-Zentrum aus Coworking und Pop-Up-Shops im Zentrum von Rio zu etablieren begann. Für den Laden entwarfen sie Regalmöbel, die schließlich von den Kunden viel lieber gekauft wurden als die Vintage-Möbel. Da beschlossen sie, eine eigene Möbelkollektion zu entwickeln.

Um die Produktionskosten für deren Herstellung zu senken, ließen sie ihre ersten Entwürfe in den Werkstätten von Felipes Vater, der in Minas Gerais eine Spedition besitzt, herstellen. „Die ersten Menschen, die unsere Entwürfe sahen, waren die Automechaniker, die für meinen Vater arbeiten”, lacht Felipe. „Das war super, weil die Arbeiter wirklich gern an unseren Entwürfen gewirkt haben. Sie genossen es, einmal etwas anderes zu machen und fingen an, mitzudenken und nach Konstruktionslösungen zu suchen“.

Vor vier Jahren bekam F Studio dann einen Großauftrag. Sie sollten ein Hotel in Rio de Janeiro, geplant von dem französisch-brasilianischen Architekten Jean de Just, mit ihren Möbeln ausstatten. Mit dem Honorar finanzierten sie den Kauf weiterer Maschinen, sodass sie mittlerweile fast autark ihre Möbel herstellen lassen können.

Von Rio nach São Paulo
Die Entscheidung, Rio zu verlassen und ins ungefähr 450 Kilometer entfernte São Paulo zu ziehen, ist den dreien nicht leichtgefallen. „Rio de Janeiro ist wunderschön und wenn man viel Wert auf Strand und Meer legt, ist es genau die richtige Stadt. Aber in São Paulo passieren die Dinge. Rio ist viel langsamer, träger, konservativer. In São Paulo schlägt das wirtschaftliche Herz Brasiliens, hier finden die wichtigen Messen, Events und Ausstellungen des Landes statt. Das zeigt sich auch ganz konkret im Design. Die Paulistanos sind viel offener für neue Ideen als die Cariocas (Einwohner von Rio).“

Das neue Domizil von F Studio befindet sich in Sumaré, einem Stadtteil, westlich des Zentrums, der mit der U-Bahn gut angebunden ist: Keine Selbstverständlichkeit in der Megapolis São Paulo. In den Villen aus den Sechzigerjahren, umgeben von viel Grün, leben gutverdienende Paulistanos. So problematisch es auch sein kann, am selben Ort zu leben und zu arbeiten, die drei haben viel Herzblut in ihr neues Zuhause gesteckt. „Eigentlich hören wir nie auf, zu arbeiten“, erzählt Felipe. „Alles verschwimmt irgendwie miteinander.“

In der Tradition der Arquitetura tropical
Bevor sie 2017 mit der Sanierung des Hauses begannen, hatte es zehn Jahre leer gestanden. Die Besitzer und Nachkommen des Bauherrn aus den Sechzigerjahren ließen sich auf den Deal ein, für einen gewissen Zeitraum nur wenig Miete zu bekommen. Im Gegenzug sollten die drei Architekten für eine stilsichere und kompetente Sanierung des 500 Quadratmeter großen Hauses sorgen. Und auch für Studio F macht es Sinn, das Geld für die Renovierung eines Mietobjekts auszugeben, um es dann als Showroom, Studio und Wohnhaus zu nutzen. In einer Betonwüste wie São Paulo, in der es kaum öffentliches Grün und Parks gibt, stellt ein eigener Garten zudem ein nicht zu unterschätzendes Privileg dar.

Bei der Entscheidung, das Haus zu mieten, war zudem ausschlaggebend gewesen, dass die Architektur in der Tradition der „Arquitetura tropical brasileira" der Sechzigerjahre steht. Damit korrespondiert der Bau perfekt mit den Möbelentwürfen von F Studio. In der Villa sehen Regalsysteme, Tische, Stühle, Hocker sowie Anrichte- und Nachttischmöbel des Trios aus, als seien sie extra für dieses Haus entworfen worden.

Die Verwendung von Stahlrahmenprofilen, in Kombination mit Leder und typisch brasilianischen Hölzern wie Freijó – der brasilianische Walnussbaum – oder das Holz vom Peroba-Baum, erinnert etwa an brasilianische Möbelklassiker von Sergio Rodrigues und spricht doch eine ganz eigene Sprache. Auch den in Brasilien noch relativ unbekannten Aspekt der Nachhaltigkeit versuchen die drei in ihre Entwürfe zu integrieren. Für die Regalböden aus Holz verwenden sie alte, aufgearbeitete Bahnschwellen der brasilianischen Eisenbahn, die zumeist aus den Hölzern des Zimtbaum oder des Braúna-Baums bestehen.

Künftig soll das Haus übrigens für Designinteressierte und Kunden an bestimmten Tagen geöffnet werden. Dabei soll aber immer sichtbar bleiben, dass das Haus bewohnt ist, dass hier drei Personen in einer Wohngemeinschaft zusammenwohnen und arbeiten.

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