Ein Elefant für den Gin Tonic

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Text: Adeline Seidel, Foto: Steve Herud

Partner: Kaufmann Keramik

Frankfurt hat eine ‚echte’ Altstadt: Ein Viertel mit mittelalterlichen Fachwerkhäusern und verwinkelten, mit Kopfstein gepflasterten Gässchen. Das einstige Amüsierviertel verwandelt sich zunehmend in ein Quartier mit anspruchsvollen Gastronomiekonzepten. Dazu gehört auch die Bar Bonechina. In einem kleinen schiefen Fachwerkhaus hat das Frankfurter Studio Aberja einen intimen Raum geschaffen, dessen Wände eine beeindruckende Landschaft aus Keramik formen und ein Elefant hausgemachtes Gin-Tonic-Water ausschenkt.

Alles begann mit dem Boutique-Hotel „Libertine Lindenberg“. Für dieses Hotel wünschte der Bauherr eine Hotelbar. Nicht im Hotel selbst, sondern mitten in Alt-Sachsenhausen, damit sich die Hotelgäste mit dem Treiben in der Nachbarschaft vermischen. Wie es der Zufall wollte, wurde gleich gegenüber des „Libertine Lindenberg“ ein kleines, zweigeschossiges Fachwerkhaus frei, in dessen Erdgeschoss die Hotelbar untergebracht werden konnte. Das hutzelige Häuschen ist dunkelgrau angestrichen und mit grauen Schieferschindeln verhüllt. Bescheiden, möchte man meinen, doch unauffällig ist das nicht: Denn wo es drumherum bunt und schrill zugeht, springt die monochrome Fassade geradezu ins Auge.  

Weg mit dem Balken
Der Gastraum der Bar mit dem Namen Bonechina kann gerade einmal 20 Personen beherbergen. Doch wo ist die Bar? „Der Begriff ‚Bar‘ bezeichnet ja ursprünglich den Querriegel, der als Tresen den ‚Barkeeper’ vom Gast trennt. Dieses klassische Bild eines Barbesuchs wollten wir auflösen. Das ist bei einem solch kleinen Gastraum von großem Vorteil, denn so konnten wir den Grundriss frei zonieren“, erklärt Robin Heather, Architekt und Designer des Frankfurter Kreativstudios Aberja, die das Interieur entworfen haben. Deshalb gibt es im Bonechina keinerlei Grenzen zwischen Besuchern und Barpersonal, zwischen Ausschank und Gastraum.  

Die Raffinesse der kleinen Bar steckt im gelungenen Zusammenspiel weniger aber guter Zutaten und pointierter Kontraste. Die Mixtur besteht aus dunklen Keramikfliesen an den Wänden, warmem Kirschholz für Fußboden und Möbel sowie Messing, das zwischen Holz und Keramik vermittelt. Schwere Wände, zierliche Möbel – das Spiel der Kontraste wird durch den gesamten Raum exerziert. Und findet seinen Höhepunkt in der Elefanten-Skulptur, die mittig im Raum trutzt. „Die Bar sollte eher an einen Kunstraum erinnern, in dem gute Drinks zelebriert werden.“, beschreibt Robin Heather die Idee. Und dafür brauche es auch ein Kunstwerk, um welches das Treiben am Abend oszilliert – schließlich kann aus dem Elefanten das hausgemachte Tonic-Water gezapft werden. „Und natürlich musste der Elefant aus Keramik sein“, verrät der Architekt mit einem Augenzwinkern. „Das wiederum bedingte dann die Wandverkleidung. Denn Kunst und Kunstraum sollten aus einem Material sein, eine gemeinsame Welt bilden“.

Dass die Wahl der Architekten bei der Form der signifikanten Fliesen auf die Raute viel, liegt nahe: Schließlich steht sie für das „Gerippe“, wie das typische Apfelweinglas in Hessen genannt wird. Der Name bezieht sich auf die Rippen, die durch das Rautenmuster entstehen. Doch anstatt es bei einer Reminiszenz zu belassen, verwandelte Studio Aberja die Fliese in eine komplexe Topografie. Sie setzt sich aus vier Rauten zusammen und diese aus je zwei Dreiecken. Die einzelnen Dreiecke formulieren im Zusammenspiel Täler und Grate, Symmetrien und Asymmetrien. Und im Rapport erzeugt die Ornamentfliese eine beeindruckende Landschaft an den Wänden der Bar.

Schwarzblau wie die Nacht
Die aufwendige wie ungewöhnliche Fliese hat Aberja in Zusammenarbeit mit der bayrischen Manufaktur Kaufmann Keramik realisiert. „Wir sind ein Büro, das gerne digitale Prototypen entwickelt und diese dann im Büro mittels moderner CAM Technik weiter präzisiert. Kaufmann Keramik hat unsere Idee verstanden und stand bei diesem Prozess immer beratend zur Seite.“, erklärt Robin Heather. In der Manufaktur wurden dann noch letzte Anpassungen gemacht, die essenziell für die Herstellung sind: So wurden die Dicke und die Winkel für das Material optimiert und von den Werkstattleitern entsprechende handwerkliche Vorkehrungen getroffen, damit die Fliesen sich beim Brennen nicht verziehen. Unterstützt hat Keramik Kaufmann auch den Bildhauer Mark Rammelmüller, der für die Umsetzung des Elefanten verantwortlich war. Nur durch die enge Zusammenarbeit zwischen Bildhauer und Manufaktur konnten die gleiche Glasur der Fliese auf den Elefanten übertragen werden. 

Bis Aberja sich letztlich für das tiefe Schwarzblau der Fliese entschieden haben, durfte der Familienbetrieb aus Rehau etwa 20 verschiedenfarbige Rauten anfertigen. „Und dann sicher noch mal zehn unterschiedliche Nuancen des Schwarzblau.“, schmunzelt Robin Heather. Dabei war es den Architekten wichtig, dass die Wandfliesen in einer Manufaktur gefertigt wurden und dies auch erkennbar blieb. Sichtbar wird die Handarbeit an der etwas helleren, feinen Linie auf den Kanten der Rauten, dort, wo die Glasur etwas dünner im Auftrag ist. 

Die intensive Detailarbeit bei der Entwicklung der Fliese hat sich gelohnt: Das Muster an den Wänden scheint sich nicht zu wiederholen, die Augen ermüden am Rapport nicht, entdecken immer wieder neue Kombinationen. Das Licht der Bar wird sanft von der Glasur reflektiert und schenkt dem Raum, gemeinsam mit der gewissen Schwere der Wandverkleidung, Intimität und Eleganz. 

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