Ein Gebäude als Geste: Treehugger in Brixen

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Text: Esther Blau
Foto: Oskar Da Riz

Das Südtiroler Büro MoDus Architects nahm seinen Entwurf wortwörtlich, sie nannten ihn TreeHugger und gewannen damit einen 2016 ausgelobten Wettbewerb für einen Pavillon. Ihr geschwungenes Gebäude aus Beton steht nun in der Mitte eines Platzes in Brixen und umarmt mit seinen Gebäudeflügeln den Platzhalter, eine alte Platane. Der Baum bestimmt mit der Ausbreitung seines Geästs die Kurvatur des geschwungenen Baus, in dem die Touristeninformation der Gemeinde untergebracht ist.

Der alte Baum markiert seit mehr als 100 Jahren den Mittelpunkt des Platzes in Brixen. Grund genug fanden die Planer des ortsansässigen Büros MoDus Architects, um ihrem Gebäude nach den Dimensionen des Baumes zu entwerfen. Der TreeHugger dreht sich um die Platane, wodurch dem alten Baum gebührende Aufmerksamkeit wiederfährt. Der Baumstamm dient als geometrischer Drehpunkt der fünf gewölbten Spannweiten, die aus der Bodenfläche resultieren und sich hervorheben, um in der Höhe der Baumkrone diese als geschwungene Schale offen zu „umarmen“.

Aus einem Stück gegossen
In dem geschwungenen Gebäude ist eine neue Touristeninformation untergebracht. Es befindet sich gegenüber des Bischofspalastes außerhalb Brixens historischen Zentrums. An den Ecken des Palastgartens stehen ein chinesischer und ein japanischer Pavillon, deren geschwungene Formen nach Aussagen der Architekten Inspiration für den Neubau gewesen sind. Um die äußere Betonschale als eine nahtlos ineinander übergehende Oberfläche zu gestalten, wurden die einzelnen Wandabschnitte über die gesamte Wandhöhe zu einem durchgehenden neun Meter hohen Ring geschlossen. In diesem Ring sind die Betonplatten gegossen. Die anschließende Oberflächenbearbeitung durch Scharriereisen ahmt, wie die Gestalter sagen, optisch und haptisch die schuppige Rinde der Platane nach.

Von konvexen zu konkaven Formen
Das Gebäude ist im Erdgeschoss fast vollständig verglast, wodurch zum Innenraum mit den Informationsständen eine Sichtverbindung zum gegenüber liegenden Palast als auch zur Platane besteht. Sein Eingang wird durch den geschwungenen Betonüberhang hervorgehoben, der zum Platz hinausragt und als Vordach dient. Im Gegensatz zum öffentlichen Erdgeschoss ist das Obergeschoss nach außen hin geschlossenen. Die hier untergebrachten Verwaltungsbüros erhalten Tageslicht durch konvex geformte Fensteröffnungen, die sich an den Fassaden zum Palast und zur Straße hin aufreihen. Das Thema der konvexen und konkaven Formen setzt sich in kleinem Ausmaß in der Innenraumgestaltung fort.

Die Geste: mit der Natur
Links vom Eingang schließt sich ein langer linearer Tresen mit den Informationsschaltern an. Bogenförmige Sichtschutzelemente aus Holz sorgen hier für Privatsphäre. Solche Trennelemente separieren auch die einzelnen Lesetische im kleinen Aufenthalts- und Leseraum voneinander. Die Möblierung ist minimalistisch und ebenfalls nach konkaven und konvexen Formen ausgesucht. Sie sind vor den bogenförmigen Fenstern platziert, die Richtung Platane schauen und die visuelle Relation des Gebäudes zum Baum von Innenraum aus zeigen. Der Pavillon selbst kann als eine Geste für den Umgang mit der Natur verstanden werden, denn die Platane, die er umarmt, kann bis zu 300 Jahre alt werden und damit das Gebäude überdauern.

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