Ein Haus für Carole Smith

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Text: Jeanette Kunsmann, Foto: Mike Schwartz, Courtesy Richard Meier & Partners Architects

Wenn eine Architekturikone 50 Jahre alt wird und man ihr diese fünf Dekaden kaum ansieht, spricht das einerseits für die Pflege der Bausubstanz, andererseits für den Entwurf. Obwohl das Smith House erst das zweite Projekt des jungen Richard Meier war, hat das Einfamilienhaus die Baugeschichte verändert. Fotograf Mike Schwartz zeigt auf Einladung von Familie Smith, wie das weiße Wohnhaus heute aussieht.

Das Grundstück in Darien im nordostamerikanischen Bundesstaat Connecticut hatte das Ehepaar Smith bereits gekauft. Nun suchte Carole Smith noch einen Architekten mit Elan, Enthusiasmus und Visionen: jemanden, der sich beim Bau ihres Wochenendhauses genauso große Mühe geben würde, als baue er für sich selbst. Der junge Richard Meier, der übrigens nach seiner Arbeit im Studio von Marcel Breuer sein Büro noch in der Wohnung der Eltern hatte, schloss gerade die Bauarbeiten an dem Wohnhaus für Jerome und Carolyn K. Meier ab, als die Smiths ihn kontaktierten. Architekt und Bauherren besuchten kurzerhand das bewaldete und felsige Grundstück. Die Zeichnungen, die Carole Smith vor Ort aus ihrer Handtasche zog, zeigten eine Ranch in der wilden Natur.

Die Form folgt der Idee
„Mir war sofort klar, dass ein eingeschossiges Haus die teuerste Variante auf diesem Bauplatz werden würde, weil das Sprengen des Felsens für die Fundamente ein gewaltiges Unterfangen wäre“, erinnert sich Richard Meier an diese erste Begegnung. Sein Entwurf sah einen vertikalen Baukörper in der felsigen Küstenlandschaft Dariens vor, der sowohl kostengünstiger als auch räumlich interessanter sein würde. 1967 sollte das bezugsfertige Smith House mit seiner klaren Geometrie sowie der Spannung zwischen den großformatigen Fensteröffnungen und den weißen Fassadenflächen nicht nur das weitere Schaffen Richard Meiers, sondern Architekten weltweit beeinflussen. Man kann das Nach-Moderne oder Postmoderne nennen, Richard Meier ist dieser Form von Architektur bis heute treu geblieben.

The White Guy
Wie viele seiner Bauten hat auch das Smith House eine öffentliche und eine private Seite, wobei sich letztere überraschenderweise in Richtung Waldstraße wendet, während die Rückseite öffentlicher geplant ist. Es ist eine Architektur aus Holz, Gips, Glas und Stahl: mit einem Wintergarten, der sich über alle drei Etagen zur Landschaft öffnet, der markanten Rampe mit ihren weißen Flanken, über die man das Wochenendhaus betritt, mit einer halbrunden Außentreppe mit Blick auf das Meer, die in den offenen Garten führt. Durch den gemauerten Kamin verleiht Meier dem puren Entwurf einen gewissen Halt und sorgt für Wärme und Gemütlichkeit. Ansonsten bleibt alles so minimal, wie es nur sein kann. Weniger ist mehr, wusste Mies van der Rohe, Weiß sei die schönste aller Farben, sagt Richard Meier, wofür der Pritzker-Preisträger von 1984 schnell seinen Spitznamen „The White Guy“ bekam: „Für mich findet Architektur in Weiß ihren klarsten Ausdruck. Weiß vermag am stringentesten die architektonischen Prinzipien von Transparenz und Geschlossenheit zu vermitteln und eine Beziehung zwischen der durchgehenden Wandfläche und der Offenheit des Glases herzustellen“, erklärte Meier 2001 in einem Interview mit der FAZ.

Für den Sohn der Bauherren, Chuck Smith, bleibt dieses Haus bis heute ein Kunstwerk. „Ich war damals erst fünf Jahre alt, aber das kindliche Wunder erlebe ich jedes Mal aus Neue, wenn ich die Rampe hinaufgehe.“ Er meint, erst die Architektur verwandle die erstaunliche Aussicht in Kunst. Und so wundert es nicht, dass kurze Zeit später Familie Douglas von Richard Meier die Pläne für das Smith House erwerben wollte, um es am Michigansee nachbauen zu können. Der deutschstämmige Architekt ließ sich darauf nicht ein – er wusste, dass er noch viele neue weiße Wohnkuben bauen würde und entwarf 1971 mit dem Douglas House seine nächste Ikone. „Architektur ist im Idealfall immer direkte Auseinandersetzung mit den Menschen.“ Ihre ikonenhafte Identität erhält seine Architektur eben nicht aus dem Willen ikonografisch zu sein, sondern daraus, den Menschen, die Umwelt und das Gebäude in seiner Ästhetik eins werden zu lassen.

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