Ein Haus mit Mehr

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Text: Myrta Köhler
Foto: Sebastian Treytnar


„Die Badewanne Berlins“ – so wurde die Ostseeinsel Usedom einst genannt. Die berühmten Kaiserbäder machten die „sonnenreichste Insel Deutschlands“ im 19. Jahrhundert populär, wohlhabende Großstadtbewohner suchten Erholung an den Sandstränden der Badeorte Bansin, Ahlbeck und Heringsdorf. Ein Juwel der historischen Bäderarchitektur wurde nun von Pott Architects restauriert: die neoklassizistische Villa Oppenheim in Heringsdorf.



Weiße Villen und Hotels säumen die Uferpromenade mit ihren beschnittenen Pappeln: Hier flanieren zahlreiche Badegäste und genießen die gesunde Seeluft. Seit der deutschen Wiedervereinigung verzeichnet die Insel einen enormen Besucherzuwachs, viele der historischen Gebäude werden renoviert. Das ist auch dringend nötig: Die historische Bausubstanz wurde jahrzehntelang vernachlässigt, achtlose Umbauten gefährdeten den Bestand.

Villa Oppenheim


Dieses Schicksal teilte auch die Villa Oppenheim. 1883 von einem unbekannten Architekten als Sommerwohnsitz für die Familie des Berliner Bankiers Benoit Oppenheim errichtet, durchlief das repräsentative Gebäude diverse Nutzungen: Von 1908 bis 1911 weilte hier regelmäßig der Künstler Lyonel Feininger, der das Gebäude mehrfach auf Holzschnitten und Aquarellen verewigte. Während des Dritten Reiches wurden die Mitglieder der Familie Oppenheim als „Mischlinge 2. Grades“ verfolgt, ihre Residenz auf Usedom wurde zur NSDAP-Ortszentrale und zum Verwaltungsbüro des BDM umfunktioniert. Nach dem Krieg diente das Gebäude bis 1950 als Offizierssanatorium der Roten Armee, anschließend als Erholungsheim der Staatssicherheit. Bis 1989 wurde die Villa von Erich Mielke, dem damaligen Minister für Staatssicherheit der DDR als Quartier und Gästehaus genutzt.

Nach der Wende wurde das Gebäude an die Familie Oppenheim restituiert und kurz darauf verkauft, saniert und in mehrere Ferienwohnungen aufgeteilt. Das Berliner Büro Pott Architects führte diese kleinteilige Struktur nun wieder zusammen: Im Auftrag der GEG Entwicklungsgesellschaft verwandelten sie das Gebäude wieder zurück in eine private Ferienresidenz. Ziel der Architekten war es dabei, ein bewusstes Spannungsverhältnis zwischen Alt und Neu zu schaffen - in diesem Fall also zwischen Innen und Außen.

Alte Schale, Neuer Kern


Die zweigeschossige Villa mit 860 Quadratmeter Nutzfläche befindet sich auf einem 1.200 Quadratmeter großen Grundstück. Ihre symmetrische Architektur, die weiße, klassizistische Fassade mit den vier Säulen über der großen Eingangstreppe ist ein Zeuge der großen Zeit der Kaiser-Bäder Usedoms. Das Äußere wurde von den Architekten nach den Originalplänen denkmalgerecht saniert, das Innere jedoch war durch die kleinteilige Nutzung als Ferienwohnungen so grundlegend beschädigt, dass die Räumlichkeiten komplett neu gestaltet werden mussten. Pott Architects nutzten die Möglichkeit, ein einheitliches Raumgefüge zu entwerfen, welches dem Maßstab der Villa entspricht und historische Raumgefüge und Sichtachsen wiederherstellt, gleichwohl jedoch einen bewussten Kontrast zur Gebäudehülle darstellt.

Das Innere umfasst neben Wohn- und Schlafräumen, Küchen und Bädern sogar eine Wellnesslandschaft mit Sauna. Das Materialkonzept ist ausgesprochen hochwertig – Schlossdielen aus Eichen-Vollholz wurde auf den Böden verlegt, dunkles Eichenholz dominiert auch bei den Möbeleinbauten und den Treppengeländern, Wände und Decken sind weiß. Möbel, Badewannen, selbst die Details der Türen, bis hin zu Griffserien und einem Schalterprogramm wurden eigens für die Villa entworfen – so soll ein homogener Gesamteindruck entstehen. Die reduzierte, kontrastreiche Farbgebung und die schlichte Materialität der Oberflächen sollen für eine ruhige und entspannende Atmosphäre sorgen. Im Dach entstand ein Studio mit Panoramaverglasungen und Dachterrasse, was auf die historische Gebäudenutzung als Künstleratelier verweist.

Wellness in der Badewanne Berlins


Das großflächig eingesetzte Material Holz findet sich auch in der Sauna wieder, die deckenhohe Verglasung hebt optisch die Trennung zum angrenzenden Raum auf. Bei der Möblierung in den Badezimmern handelt es sich um Sonderanfertigungen: Badewannen, Toiletten und Waschbecken sind aus dem Material Hi-Macs im Farbton Jasmin Green gefertigt, lediglich die Armaturen sind Industrieprodukte. Die Badeinbauten stehen als Stelen frei im Raum, über sie erfolgt die Versorgung mit Wasser und Strom. Jede Stele besteht dabei aus zwei Teilen: Hinter dem jeweiligen Badelement befindet sich ein Glaskörper, der wahlweise als Spiegelfläche oder als Leuchtkörper dient. Die dunklen Kunststoffoberflächen in den Badezimmern betonen den Gegensatz zum warmen Element Holz in den übrigen Räumen. Allen Einbauten gemeinsam ist ihre minimalistische Formensprache: Klare Kanten und abgeschrägte Flächen bilden kristalline Körper aus, welche mit ihren präzise umrissenen Silhouetten eine positive Spannung zu den dekorativen Elementen der Gebäudehülle herstellen. Die Spaziergänger an der Promenade ahnen beim Anblick dieses Gebäudes nichts von der Gestaltung im Inneren – die Villa Oppenheim wird zum wird zum effektvollen Spiel mit Kontrasten.

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