Ein Lichtblick am Polarkreis

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Text: Julia Bluth


Wie ein vielfarbig schimmernder Kristall liegt das neue Konzert- und Konferenzzentrum Harpa am östlichen Hafen von Reykjavik. Harpa ist der isländische Begriff für die Harfe und bezeichnet gleichzeitig den Beginn des Frühlings, der nach dem langen und harten Winter auf der Insel am Polarkreis Hoffnung auf eine bessere Zukunft verspricht. Ähnliche Symbolkraft liegt in der Fertigstellung dieses Hundertmillionenprojektes inmitten der Weltwirtschaftskrise, die besonders Island schwer getroffen hat.


Über 30.000 Besucher zählte man zur dreitägigen Eröffnungsfeier der Konzerthalle im Mai, die das isländische Symphonieorchester passend zum Anlass mit Beethovens „Ode an die Freude“ bespielte. Viele empfanden es als ein wahres Wunder, den lang gehegten Traum eines nationalen Konzerthauses endlich verwirklicht zu sehen. Der Entwurf des dänischen Architekturbüros Henning Larsen Architects zusammen mit dem isländischen Büro Batteríid Architects wurde 2005 aus über 4.000 Einreichungen eines internationalen Wettbewerbs ausgewählt. Seine Besonderheit liegt in der einzigartigen Symbiose aus Architektur und Kunst, die in Zusammenarbeit mit dem Wahlberliner Lichtkünstler Olafur Eliasson entstanden ist.

Am Rande der Zivilisation

Ausgangspunkt der Entwurfsarbeit bildete die spezielle Lage des Gebäudes am East Harbour von Reykjavík. Am Rande der Stadt und nahe an den Elementen sollte das neue Konzert- und Konferenzzentrum wie ein Bindeglied zwischen Zivilisation und Naturgewalten wirken. Obwohl der Bau mit einer Höhe von 43 Metern und einer Fläche von insgesamt 28.000 Quadratmetern nicht gerade klein ist, wollten die Architekten den Eindruck von Massivität vermeiden und ihn in Dialog mit dem Licht und den Farben seiner Umgebung setzen.

Das gesamte Konzept basiert auf einer Glasfassade, die das Grundgerüst wie eine schimmernde Haut umschließt und so den Eindruck von Leichtigkeit und Bewegung vermittelt. Es lag nah, sich bei der Suche nach einem geeigneten Kooperationspartner an Olafur Eliasson zu wenden: Physikalische Naturphänomene in Kunst zu verwandeln ist ein Schwerpunkt seines Schaffens, und dank seiner isländischen Wurzeln ist er mit den dortigen Gegebenheiten von Grund auf vertraut.

Die Natur als Vorbild

Inspiriert von den vulkanischen Basaltsäulen der Insel entwarf Eliasson in Zusammenarbeit mit dem Künstler und Architekten Einar Thorsteinn in seinem Berliner Studio eine Art Baustein aus Glas und Stahl. Die ungewöhnliche, an einen Kristall erinnernde Form der zwölfseitigen Glaselemente ermöglicht eine einzigartige räumliche Dimension wie sie mit standardisierten Fassadenelementen wohl kaum zu erreichen gewesen wäre. Die der Stadt zugewandte Südfassade besteht ausschließlich aus diesen Glasbausteinen – 956 Stück, um genau zu sein. Die Nord-, West- und Ostfassade sind vereinfachte, teilweise zweidimensionale Variationen desselben geometrischen Prinzips. Die Zusammensetzung der jeweiligen Fassadenenden stellte die Architekten vor eine besondere Herausforderung, da jede einzelne Verbindung extra angefertigt werden musste.

Wie schon bei einigen seiner Installationen, zum Beispiel den New York City Waterfalls aus dem Jahr 2008, spielt der Künstler bei der Fassadengestaltung mit der menschlichen Wahrnehmung. Von Weitem betrachtet wirkt die Fassade wie eine homogene Fläche, die sich erst beim Näherkommen in ihrer ganzen Komplexität erschließt. Genau wie die Geschwindigkeit fallenden Wassers uns einen Hinweis auf Entfernung und Größe eines Wasserfalls ermöglicht, erschließt sich durch die Betrachtung der Fassadenstruktur ein Gefühl für die eigene räumliche Position und Geschwindigkeit. Um diese Wirkung zu unterstützen, sind alle Glasbauelemente im menschlichen Maß gehalten.

Olafur Eliasson selbst beschreibt seinen Entwurfsprozess wie das Malen eines Bildes. Einige Glasbausteine heben sich farblich ab, und die verwendeten Farben wurden komplementär kombiniert: Eine gelbe Glasfläche schimmert so zum Beispiel Lila in der Reflexion. Da farblich betonte Flächen dem Betrachter sofort ins Auge stechen, wurden diese in großen Abständen verteilt und mit matteren Flächen kombiniert. Abhängig vom Standpunkt des Betrachters ändert sich zudem die Farbwirkung je nach Winkel der einfallenden Sonnenstrahlung. Vor allem die Südfassade wirkt wie ein gigantisches Kaleidoskop, das aus wechselnden Blickwinkeln eine tausendfache Spiegelung seiner Umgebung zurückwirft: Stadtlichter, Wetterleuchten oder Sonnenstrahlung... alles vereint sich zu einem endlosen Farbenspiel.

Nach Sonnenuntergang erstrahlen zusätzlich in der Südfassade eingebaute LEDs in den digitalen Grundfarben Rot, Grün und Blau. Da Farbe und Helligkeit der einzelnen Leuchtdioden steuerbar sind, leuchtet der nächtlichen Innenstadt von Reykjavik das gesamte Farbspektrum entgegen.

Ein Gesamtkunstwerk als Hoffnungsträger

Obwohl die Konzerthalle schon eingeweiht wurde, erfolgt die große Eröffnungsfeier des Gesamtkomplexes erst im Spätsommer zu Reykjavik´s Cultural Night. Spätestens dann wird auch das letzte Glaselement seinen Platz in der Fassade gefunden haben und zum symbolhaften Charakter des Harpa Concert Hall and Conference Centres beitragen. Es bleibt zu hoffen, dass eine reguläre Auslastung der über 1.000 Konzertsitze in einer Stadt mit weniger als 200.000 Einwohnern möglich sein wird. Aufsehen erregt Island mit seinem spektakulären Konzerthaus schon jetzt – erst kürzlich wurde Harpa der World Architecture Award 2011 verliehen.
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