Ein Template für die Modewelt

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Text: Julia Bluth
Foto: Thomas Meyer / Ostkreuz

Wie gewinnt man die heiß umkämpfte Kaufkraft der Millennials? Angesichts des rasanten Strukturwandels im Handel treibt diese Frage selbst etablierte Luxusmarken um. In Lissabon haben die beiden Fashion-Experten Rune Park und Robby Vekemans eine wegweisende Antwort formuliert. Ihr minimalistisches Storekonzept, das Designermode und Objekte im kuratierten Wechsel präsentiert, trägt die charakteristische Handschrift des Berliner Studios Gonzalez Haase AAS.

Das industriell geprägte, ehemalige Hafenviertel Marvila galt die längste Zeit als Anti-Ort irgendwo dazwischen. Heute ist die Lissaboner Peripherie unweit des ehemaligen Expo-Geländes ein Hotspot für Kreative, dessen Wandlungsprozess von Kunstgalerien, Food Stores und Coworking Spaces begleitet wird. Versteckt in einem Komplex alter Lagerhäuser befindet sich hier der neue, von Judith Haase und Pierre Jorge Gonzalez gestaltete Concept Store TEM-PLATE. Einzig ein puristischer Schriftzug auf dem grauen Hallentor weist darauf hin, dass sich hinter der unaufgeregten Fassade eine kommerzielle Nutzung verbirgt.

Minimal Shopping
Kein Zweifel: Dieser Ort möchte entdeckt werden. Wie ein Filter wirkt dabei der massive gelbe PVC-Vorhang, der die 800 Quadratmeter große Halle von der Außenwelt abschirmt. Innen empfängt den Besucher eine nahezu monumentale Weite. Die geometrische Struktur der Kassettendecke wird durch Lichtbänder unterstützt, deren Abstände sich zum Ende des Raumes hin verkürzen und die für eine homogene, kühle Ausleuchtung der gesamten Verkaufsfläche sorgen. Im Zentrum befindet sich ein deckenhohes, kreisförmiges Gestänge, das die Funktion eines überdimensionalen Kleiderständers erfüllt. Vereinzelte Stellwände, Hocker und Regalsysteme bespielen den Raum und verleihen ihm einen flexiblen Bühnencharakter. Hinter einer Vorhangfassade aus silbergrauem Polycarbonat verstecken sich auf der Rückseite separate Dienstleistungsflächen.

Zusammenspiel der Gegensätze
Unverkennbares Markenzeichen der Berliner Architekten ist das geschickte Zusammenspiel hochwertiger und einfacher Materialien. Spanplatten blitzen unter ihrer schimmernden Verkleidung aus silbernem Thermovlies hervor, unbehandelte Aluminiumbleche präsentieren ihren Produktcode. Glatte und raue, spiegelnde und matte Flächen bilden einen in seiner Reduktion markanten Rahmen für die monatliche Neu-Kuration der Einzelstücke und limitierten Sondereditionen angesagter Labels wie Thom Browne, Raf Simons, Burberry oder Loewe. Kunstwerken gleich werden sie in geringer Anzahl im Raum platziert und über ein Multichannel-Marketingkonzept an die zahlende Kundschaft gebracht.

Obwohl die dänisch-belgischen Inhaber ihren Verkauf vor allem online generieren, erzielen sie durch dieses minimalistische, äußerst fotogene Gesamtkunstwerk einen unschätzbaren Imagegewinn. Spätestens, wenn das nebenan entstehende Luxus-Wohnprojekt von Renzo Piano bezugsfertig wird, könnte sogar die unmittelbare Nachbarschaft mit der online angezielten Kaufkraft mithalten. Obwohl das paradoxerweise bedeuten sollte, dass es langsam Zeit für einen Umzug wird – zu irgendeinem Anti-Ort, der den schleichenden Prozess der Gentrifizierung erst noch durchlaufen muss.

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