Ein Wohnbau als Statement

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Text: Katrin Schamun
Foto: Valentin Jeck, Andrej Zouev

In einer der wohlhabendsten Gegenden Zürichs fällt der Neubau auf. Er erinnert mit seinem rauen Charme an informelle Architektur in Südamerika oder Indien – und zugleich an die Kunstrichtung Arte Povera. Das Haus Alder, geplant von Andreas Fuhrimann und Gabriele Hächler, ist ein Bauergebnis, dem stadtpolitische Entscheidungen vorausgingen. Mit dem Gebäude reagierte die seit 25 Jahren in einem geerbten kleinen Giebelhaus wohnende Bauherrschaft auf Planungen eines siebengeschossigen Seniorenwohnheims gegenüber.

Der Neubau musste einerseits Distanz halten, andererseits dem höheren Nachbarn entgegenwirken. Dies tut er mit Rauheit und Purismus – das Wohnhaus zeigt Kanten, Kratzer und Linien der Schalungsplatten, an seiner Mauerwerksarbeit fehlt ein Arbeitsschritt: das Wegwischen des herausquellenden Mörtel, der eine netzartige Struktur auf dem Stein hinterlässt. Die Fassade ist dreigeteilt: in einen Betonsockel, der etwas zurückspringt, sowie zwei gemauerte Obergeschosse und ein Dachgeschoss. Auch der Dachaufbau ist aus Beton und zeigt geschnittene Kanten, die Dachlinien der umgebenen Bebauung aufnehmen.

Roh und „brut“
Außen zeigt ich das Haus roh und „brut“, im Inneren erfolgt über 300 Quadratmeter auf vier Geschossen eine Abwicklung von ineinander übergehenden Räumen. Der Bodenaufbau ist in jeder Etage eine monolithische Platte, die durchgehend ist. In ihr sind Heizung und Kühlung integriert, es gibt keine Fugen an den Rändern. Eine große Treppe, ebenfalls aus Beton gegossen, übernimmt auch (eine) tragende Funktion und ist das Bindeglied zwischen den Ebenen und Räumen. An ihr entwickeln sich die Übergänge in der Vertikalen. „Was wir im Entwurf unserer Architektur stets versuchen, ist durch Bewegung den Raum erfahrbar zu machen“, erläutert Andreas Fuhrimann das Projekt. „Beim Haus Alder bewegt man sich außen um das Gebäude herum und entdeckt, wie es sich nach oben hin entwickelt. Im Innenraum hat die Treppe nicht nur eine konzeptionelle und statische Bedeutung als Rückgrat des Hauses. Uns geht es vielmehr um die Bewegung innerhalb des Gebäudes, und diese nicht nur horizontal, sondern auch vertikal. Wenn man sich innerhalb des Hauses bewegt, ändert sich dieses permanent durch die fast skulpturale Raumgestaltung.“

Die Schönheit der Materialien
Der Grundriss ist polygonal und offen, der Bau wie ein großes, mehrgeschossiges Loft. Die einzelnen Räume können durch Schiebetüren voneinander abgetrennt werden. Die Bauherren wohnen in den oberen Etagen. Im Dachgeschoss befindet sich eine Wohnküche mit Zugang zur Dachterrasse, beide Obergeschosse beherbergen Wohn- und Schlafbereiche inklusive Badezimmer. Im Erdgeschoss befindet sich eine zusätzliche Wohnung. „Beides, das Innere und das Äußere, haben eine raue Seite. Doch im Innenbereich verwenden wir auch warme Materialien. Backstein ist etwas dazwischen, er ist auch im Hausinneren „brut“, erzeugt aber eine warme Atmosphäre. Es ist hier abgestrichen, sodass man sich nicht verletzt. Allgemein sind die Oberflächen der Wände im Innenraum glatter gestaltet, in Küche und Bad auch gestrichen. Dem grauen Beton stellen wir Holz gegenüber, um einen Materialkontrast zwischen warm und kalt zu erzeugen“, erklärt der Schweizer Architekt. „Die Direktheit des Materials ist uns wichtig. Deshalb verwenden wir beim Beton auch Schalungen, an deren Abdruck man diese direkt sieht. Wenn die Betonfläche weiß verputzt ist, dann fehlt dem Auge ein lebendiger Punkt. Rohe Flächen beizubehalten, hat aber auch einen finanziellen Vorteil. Wir verwenden häufig Materialien, an denen man Spuren von Bearbeitung stärker sieht. Beim Backstein im Haus Alder ist dies natürlich auch Thema.“

Backstein mit spezieller Mörtelfugenästhetik
Der für das Mauerwerk verwendete Backstein ist im Wohnungsbau eher unüblich, sondern wird in der Regel im Agrarbau verwendet. Beim Haus Adler ist es ein zweischaliges Mauerwerk, tragend ist die wettergeschützte innere Seite. Die verwendete Mörtelfugenästhetik trägt Kindheitserinnerungen von Gabrielle Hächler, denn die Wände des Bildhauerateliers ihres Vaters waren ebenso gestaltet. „Wir haben die Rückseite dieses Steins genommen, an denen die Arbeitsspuren vom Brennen sichtbar sind. Auf ihnen sind kleine Tupfen zu erkennen, die durch den Rost entstanden sind, auf dem die Steine gelegen haben“, sagt Andreas Fuhrimann und erinnert sich. „Die beiden jungen Maurer hatten viel Freude bei der Herstellung des Mauerwerks. Wir sagten ihnen, sie sollen sich als Künstler fühlen und diese Arbeit als Künstler verrichten.“

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