Ein grünes Wunder

9

Text: Tim Berge
Foto: Daici Ano

Kleider und Taschen, die an Bäumen hängen, und Angestellte, die in Erdlöchern an ihren Computern arbeiten: Büro und Showroom des japanischen Modelabels Sisii gewähren der Natur Einlass. Für das grüne Wunder ist das Architekturbüro Yuko Nagayama & Associates und der Landschaftsplaner Toshiya Ogino verantwortlich, die sich mit ihrem Gestaltungskonzept vor dem Hausberg Kobes und seiner einzigartigen Vegetation verneigen.

Drei Nutzungen wollte Yuko Nagayama miteinander verknüpfen: kaufen, treffen und arbeiten. Dabei wurde der Raum nicht vertikal, sondern horizontal durch eine riesige Fläche aus Metallplatten gegliedert: Die entstandenen Höhensprünge ermöglichen ein subtiles Spiel mit Offenheit und Intimität.

Metallenes Bindeglied
Das Bindeglied der einzelnen Bereiche bilden aneinander gereihte Metallplatten: In Tischhöhe ziehen sie sich durch den ebenerdigen Raum, teilen und verbinden zugleich. Die Ebene wird immer wieder von großen Öffnungen durchbrochen, die Raum für Arbeitsplätze, Besprechungstische und Mini-Landschaften bieten. Die Metalloberfläche variiert dabei leicht, ist mal rau und unbehandelt, mal geschliffen und glatt. Die sich aus der Fläche heraus entwickelnden Tische sind mit Kabelschlitzen ausgestattet und können bei Bedarf verschoben oder herausgenommen werden. Unter die metallene Ebene hat Yuko Nagayama Nutzflächen platziert: Bücher- und Aktenregale sowie Stauraum für technische Geräte und Kleidermuster lassen den Showroom stets aufgeräumt aussehen.

Flanieren im Büro
Wie in Erdlöchern sitzen die Mitarbeiter des Lederwaren-Modelabels und verschwinden bis zur Hüfte im künstlich aufgedoppelten Boden. Die kleinen Gärten mitten in der Bürolandschaft wecken Assoziationen von Natur und schaffen eine beschauliche Atmosphäre: Kunden und Einkäufer flanieren durch den Raum, bleiben an dem ein oder anderen Baum stehen und betrachten die ausgestellten Produkte. Um die echten Pflanzen nicht zu überlasten, wurden sie mit stählernen Baumobjekten durchmischt, an denen die Kleider und Taschen befestigt werden können. Einige der abgesenkten Arbeitsplätze sind mit Glaswänden akustisch vom Hauptraum getrennt: Die entspannte Ruhe soll weder durch Kundengespräche oder Telefonate gestört werden.

Schnitt und Grundriss
2
Unter der Bergkiefer
Das Grün im Sisii-Hauptquartier wurde vom Landschaftsarchitekten Toshiya Ogino gestaltet und ist eine Reminiszenz an die Umgebung Kobes und das Rokkō-Gebirge: Ein direkt im Norden der Stadt gelegenes Naherholungsgebiet mit eindrucksvoller Natur und besten Aussichten auf  die Stadt und sein nächtliches Lichtermeer. Ogino benutzte ausschließlich Pflanzen, die mit wenig Wasser auskommen und sich auch farblich nicht in den Vordergrund drängen: Kleine Hügel aus Erde und Steinen, bemooste Flächen und Bergkiefern bilden ein natürliches Panorama und sorgen ganz nebenbei für ein angenehmes Mikroklima. Um die Vielzahl an Bäumen mit ausreichend Licht zu versorgen, sind die Lampen – darunter auch Konstantin Grcics Mayday – rund um die Uhr eingeschaltet: Das grüne Wunder hat seinen (Strom-)Preis.

Alle Beiträge aus unserem großen Japan-Themenspecial lesen Sie hier.

Weitere Artikel 13 - 25 von 27 Transparenter Inkubator Rhythmische Eleganz in Hainan Hüttendorf im Sky-Floor Brutalismus in Brüssel Campus mit Catwalk Grüne Grenze Down Under Perforierter Klinkerkubus: Neubau in Mexiko Die Kunst des Lächelns: Zahnarztpraxis in Berlin Postmoderner Lesetempel Vorhang auf in Moskau Waldhotel Bürgenstock Cool statt kitschig

Informationen aus erster Hand zu internationalen Messen, Ausstellungen und Events.