Ein japanisches Toilettenhäuschen

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Text: Katharina Horstmann

 
„Ein Teeraum ist gewiss ein sehr ansprechender Ort,“ schrieb einst Tanizaki Jun’ichiro, „aber noch mehr ist der Abort japanischen Stils so konzipiert, dass der Geist im wahrsten Sinn Ruhe findet, (…) wo einem der Geruch von grünem Laub und Moos entgegenkommt (…) und eine Stille, die selbst das Summen einer Mücke zum Ohr dringen lässt.“ An die Worte des japanischen Schriftstellers mag mancher beim Besuch der städtischen Parkanlagen in Hiroshima denken. Denn für die Landschaftsgärten der Stadt entwickelte vor zwei Jahren der Architekt Bunzo Ogawa von Future Studio im Rahmen eines Wettbewerbs ein Konzept für öffentliche Toilettenhäuschen. Inzwischen existieren schon zwölf der sehr offen gestalteten Örtlichkeiten – mit steigender Tendenz.

 
Größer könnte der Kontrast kaum sein. Der Kultur der alten vom Haupthaus getrennten Außentoiletten in der freien Natur stehen heute raffinierte High-Tech-Toiletten mit eingebautem Bidet zur Intimreinigung gegenüber. Sie können eine Vielzahl an technisch fortgeschrittenen Funktionen erfüllen, die man außerhalb Japans selten vorfindet. Eine traditionelle japanische Toilette hingegen besteht in der Regel aus zwei Abteilen, von denen das erste ein Porzellan-Urinal enthält. Im zweiten Raum befindet sich die Toilette, die meist ein Stehklo ist. Dem französischen oder italienischen nicht ganz unähnlich, besteht sie aus einem länglich-ovalen Porzellanbecken, das einem in den Boden eingelassenen kleinen Pissoir ähnelt, über das sich der Benutzer hockt. Während sich die Bidettoiletten inzwischen in mehr als der Hälfte aller Haushalte wieder finden, folgen viele öffentliche Aborte noch den alten Traditionen. So auch das Konzept von Bunzo Ogawa.
 
Öffentliche Bedürfnisanstalten in freier Natur
 
Denn öffentliche Toiletten müssen zweckmäßig sein und sollten dabei ein Gefühl von Offenheit und Sicherheit vermitteln. Um dies zu erreichen, entwarf Bunzo Ogawa ein spitz zulaufendes Gebäude ganz aus geweißtem Beton, das von einem farbigen, ebenfalls aus Beton bestehenden Schrägdach eingedeckt ist. Die höchste Stelle des Daches ist sogleich die schmalste Stelle des Innenraums und zeigt – wie ein Kompass – bei allen zwölf Häusern immer nach Norden. Es gibt an der West- und Ostseite jeweils einen Eingang, so dass das Arrangement des Interieurs flexibel beidseitig angeordnet werden kann und von Häuschen zu Häuschen variiert.
 
Gefühl von Offenheit und Sicherheit
 
Die Eingänge selbst sind türenlos und lassen den Benutzer in den von Außen – fast schon zu – gut einsichtigen, mit Waschbecken und Urinal ausgestatteten Vorraum hinein. Die Toilette befindet sich in einem separaten Raum, und ist entweder ein typisches Steh- oder ein klassisches Sitzklosett, das von den Japanern als „Toilette westlicher Art“ bezeichnet wird. Wie die Außenwände sind auch die Innenräume ganz in Weiß gehalten; Kontrapunkt bilden die roten, behindertengerechten Stehhilfen sowie die runden Belüftungslöcher an Süd-, West- und Ostseite. Das Hauptmerkmal des Toilettenhäuschens ist das schmale Dachfenster aus Acrylglas, das die gesamte Längsachse der Decke entlang läuft und den Raum mit Tageslicht versorgt.
 
Den bisher in Hiroshima gebauten zwölf Toilettenhäuschen sollen in den nächsten Jahren fünf per annum folgen. Und vielleicht wird sich das Konzept – wie die High-Tech-Toiletten – auch andernorts durchsetzen, so hofft zumindest Bunzo Ogawa und erklärt: „Natürlich ist der Entwurf nicht auf die Stadt Hiroshima limitiert. Es ist ein universales Projekt, das in jede Stadt der Welt passt.“
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