Eine Büroetage in Gotham City

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Text: Jasmin Jouhar


Farbloser geht es kaum: die Wände und Böden sind weiß und dunkelgrau, alle Möbel in demselben einheitlichen dunkelgrauen Ton gehalten. Andere Farben gibt es nicht in der Büroetage der Amsterdamer Werbeagentur Gummo. Nur weiße Hängeleuchten hellen die düstere Szenerie etwas auf. Die Innenarchitekten vom niederländischen Büro i29 haben ein Arbeitsambiente von seltener Künstlichkeit entworfen. Die Werber werden allerdings lediglich zwei Jahre in ihrer monochromen Bürolandschaft arbeiten, denn das Domizil in dem alten Gebäude der Zeitung „Parool“ ist nur von temporärer Dauer.

Vor allem aber ist es ziemlich nachhaltig. Denn für die Einrichtung des Büros bestellten die Innenarchitekten nicht die üblichen neuen Designermöbel, sondern gebrauchte: Praktisch alle Einrichtungsgegenstände sind secondhand – getreu der Idee, dass ein Produkt dann besonders umweltfreundlich ist, wenn es gar nicht erst hergestellt wird. So wurden die benötigten Möbel bei „Marktplaats“, dem niederländischen Ebay, ersteigert oder in Läden erworben, die Gebrauchtes zu wohltätigen Zwecken verkaufen. Einige Stücke brachte Gummo auch aus dem alten Büro mit. Herausgekommen ist ein Möbelsammelsurium aus schlichten Bürotischen und -stühlen und extravaganten, etwas trashigen Sofas, Stehleuchten, Schränkchen und sogar einem Billardtisch.

Gewollt geschmacklos

Visuell zusammengehalten wird die gewollt geschmacklose Mischung von einer dunkelgrauen Beschichtung: Alle Einrichtungsgegenstände ließ i29 komplett mit dem gummiartigen und körnigen Material Polyurea überziehen. Die zigarrenrauchgeschwängerte Aura von Chesterfield-Sofa und Billardtisch verschwindet genauso unter dem einheitlichen Überzug wie die funktionalistische Anmutung der Arbeitstische. Verstärkt wird der vereinheitlichende Effekt noch von den ebenfalls dunkelgrau überzogenen Wand- und Bodenflächen, vor und auf denen die Möbel stehen. Doch die dunkelgraue Beschichtung vereinheitlicht nicht nur, sie bewirkt auch, dass das ganze Interieur recht flach wirkt. So entsteht ein düsteres, comichaftes Ambiente – eine Büroetage wie aus Gotham City.

Clever sparen mit Farbe

Das Projekt ist ein anschaulicher Beweis dafür, dass auch mit kleinem Budget etwas Ungewöhnliches entstehen kann. Lediglich 30 000 Euro stand i29 für die temporäre Niederlassung von Gummo zur Verfügung. Wie häufig in so einem Fall lösten sie das Geldproblem mit dem Einsatz von Farbe. Doch während Low-Budget-Projekte meistens daran zu erkennen sind, dass sie in allen Farben des Regenbogens leuchten, führte hier der umgekehrte Weg zum Ziel.

Gutes tun und dabei gut aussehen

Besonders interessant dabei ist, dass i29 alle ästhetischen Signalelemente vermieden haben, die sonst häufig bei nachhaltigen Projekten verwendet werden. Es gibt keine unbehandelten Holzoberflächen, keine floralen Formen und vor allem: kein fröhlich-hoffnungsfrohes Grün. Dass so ein unbelebt-depressives Interieur trotzdem umweltfreundlich sein kann, wirkt wie ein ironischer Kommentar auf den Nachhaltigkeitshype, mit dem viele Möbelhersteller und Designer zurzeit versuchen, ihre Produkte zu verkaufen. Man kann auch Gutes tun, ohne laut und viel darüber zu sprechen.
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