Eine Praxis, die verzaubert

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Text: Tim Berge
Foto: FG + SG


Eine Zahnklinik mit Wänden aus Glas! Beim ersten Hinhören mag so mancher Schmerzgetriebene aufschrecken: Werden dort Behandlungen in aller Öffentlichkeit durchgeführt? Was ist mit der nötigen Diskretion? Doch das Material Glas wurde in der Praxis im portugiesischen Torres Vedras in etwas anderer Form eingesetzt: Geschichtet und in Farbe lässt es zwar Licht durch, aber zu erkennen sind nur Silhouetten und Umrisse. Ein faszinierendes Spiel mit der Wahrnehmung und den Möglichkeiten, Licht und Raum verschmelzen zu lassen.


Die Praxis liegt im ersten Stock eines gewöhnlichen Altbaus im Zentrum Torres Vedras. Von außen lässt sich das futuristische Innere nicht erahnen. Das in Lissabon ansässige Architekturbüro MMV Arquitectos wollte mit der neu gestalteten Zahnklinik eine für den Kunden einmalige Atmosphäre schaffen, die Ruhe und Geborgenheit vermittelt und die Bedeutung von Stille und Leere betont – auch wenn hinter den Kulissen rege Betriebsamkeit herrscht.

Wände aus Licht

„Als Inspiration diente ein Eisblock“, erklärt der Architekt Miguel Marques Venâncio. Er wollte die Raumwahrnehmung einem ständigen Wandel unterwerfen, indem er die Lichtwirkung durch einen Filter potenziert. Dazu benutzte er grüne und schwarze, unterschiedlich starke Streifen aus recyceltem Glas, die er vertikal nebeneinander schichtete. Die halbtransparenten Wände lassen alles dahinter Liegende verschwimmen und erzeugen eine vermeintlich ins Unendliche laufende Tiefe. Das durch die Materialeigenschaften auf unterschiedliche Weise gefilterte Licht hat auf den Raum eine ähnlich atmosphärische Wirkung wie etwa Kirchenfenster; nur sollen hier nicht Gläubige, sondern Patienten durch die Kraft der Beleuchtung verzaubert und vielleicht ein wenig von ihrem Schmerz oder Angst abgelenkt werden.

Die Glasstreifen sind mit Metallprofilen gefasst, die nicht ganz an Boden und Decke heranreichen. So wird der Eindruck von Leichtigkeit noch verstärkt. Die Türgriffe sind dazu passend – als schmale, vertikale Stege ausgebildet – in die Glaswände integriert, ohne die Gesamtwirkung zu beeinträchtigen.

Strahlend weißes Lächeln

Der Warteraum und die Flure wurden mit weißen, unregelmäßig unterteilten Wand- und Deckenpaneelen ausgekleidet, zwischen denen sanftes Licht austritt. Zusammen mit dem weißen Boden mit einer leicht glänzenden Epoxidharz-Beschichtung und den ebenfalls weißen Sitzbänken ergibt sich schnell das Bild des strahlend weißen Lächelns, in dem sich die Kunden bewegen. Auch hier spielen die Architekten mit dem Thema Reflexion: Der Fußboden spiegelt diffus den Raum wider, und das große Fenster zur Straße – aus gewelltem Milchglas – lässt nur schemenhaft erahnen, was sich dahinter verbirgt.

Die vertikale Unterteilung der Wände zieht sich durch den gesamten Praxisbereich: Hinter der Rezeption und in den Behandlungsräumen nutzen die Architekten das Fugenbild geschickt, um Regale, Stauraum und Türen zu den Toiletten fast unsichtbar in das Designkonzept zu integrieren. Allein zwei kleine Farbtupfer finden sich innerhalb der blendend weißen Einrichtung: Die Stühle in den drei Behandlungsräumen sind rot und blau.
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