Eine kleine Revolution: Kinderklinik in Kiew

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Text: Tanja Pabelick

Der Name ist Programm: Bei der Gestaltung einer ambulanten Praxis für Kinder begibt sich das Interieur mit den Patienten auf Augenhöhe. Damit die kleine Klientel durch eine klinische Atmosphäre keine Angst bekommt, ist Doctor U so freundlich ausgestattet wie eine moderne Kita. Entworfen hat die atypische Ambulanz in einer Wohnanlage das ukrainische Gestalterduo von Ater Architects.

Eine ganze Klinik auf 38 Quadratmetern: So lautete die Herausforderung für Alexander Ivasiv und Yuliya Tkachenko von Ater Architects bei der Planung der im Erdgeschoss liegenden Praxis im Norden Kiews. Untergebracht sind auf der quadratischen Grundfläche ein Empfang, der Wartebereich, ein Badezimmer und zwei Behandlungsräume. Um das möglich zu machen, wurde auf Flurflächen weitmöglichst verzichtet, stattdessen erfolgt die Erschließung der Nutzung entsprechend vom Tresen und dem Sofa aus. Der zweite Teil für eine effiziente Nutzung ist die interne Organisation, die darauf ausgelegt ist, keine Warteschlangen entstehen zu lassen und den behandelten Patienten trotz viel Transparenz maximale Privatsphäre zu bieten.

Kein Platz für Angst
Die begrenzte räumliche Dimension haben die jungen Architekten durchaus positiv aufgenommen – denn sie kommt auch dem Publikum entgegen. Doctor U ist eine ambulante Klinik für Kinder – und die fühlen sich in kleinen Räumen durchaus geborgen. Um das positive Gefühl über die Wahl des Interieurs fortzusetzen, haben sich Ater Architects viele Gedanken über die kindgerechte Gestaltung auf allen Ebenen gemacht. Die Wände sind durch hölzerne Wandpaneele verkleidet, die aber nicht bis zur Decke reichen. Dadurch wird die in den Räumen unterschiedliche Deckenhöhe ausgeglichen, und das Raumvolumen wird mit der Körpergröße und der Wahrnehmung der kleinen Patienten ins Verhältnis gesetzt. Über den Paneelen folgt ein indirekt beleuchteter, hellblauer Wandanstrich, der zum künstlichen Himmel wird.

Grundriss der kleinen Praxis

Versteckte Funktionen
Die Einrichtung setzt auf Minimalismus und geschlossene Fronten. Auch dahinter steht eine psychologische Strategie. Alle auf eine medizinische Therapie hinweisenden Werkzeuge und Gerätschaften verschwinden in Schränken oder einem kleinen Lagerraum. Übrig bleiben nur die fröhlichen Farben der Ausstattung und das wohnliche Mobiliar, das für eine vertrauenerweckende und stressfreie Atmosphäre sorgt. In jedem der beiden Behandlungszimmer gibt es einen Untersuchungsbereich mit Liege und einen Schreibtisch für die Aufzeichnungen durch den behandelnden Arzt.

Kleine Räume voller Farbe
Eine Herausforderung des kleinen Grundrisses war die Lichtsituation. Durch die eingezogenen Wände und die begrenzten Fensterflächen hätten die hinteren Bereiche schnell dunkel wirken können. Um dem vorzubeugen wurden zwischen den Räumen und über den Paneelen Oberlichter eingezogen, die das natürliche Licht in alle Winkel transportieren und für eine freundliche Atmosphäre sorgen. Diese Stimmung greift auch das gewählte Farbuniversum auf, das durch helle Töne gleichzeitig Reinheit und Sterilität vermitteln soll. Ein kräftiges Orange, das kühle Blau und die warmen Holzflächen werden durch viel Weiß und Terrazzoflächen ergänzt, in der Farbfamilie lackierte Holzknäufe setzen einzelne Akzente. Das auf angstfreie Behandlungen ausgerichtete Konzept kommt bei den Familien des Wohnviertels gut an – und ist durch seine medizinische Qualität im Kontext der üblichen Standards der Ukraine durchaus eine kleine Revolution.

Im Gespräch mit den Gründern von Ater Architects:
Alexander Ivasiv und Yuliya Tkachenko

Wo habt ihr studiert – und wann und wo euer Studio gegründet? Alex hat in Kiew (KNUCA) studiert und Yuliya an der staatlichen Akademie für Bauingenieurwesen und Architektur in Odessa (OSACEA). Die wichtigsten Dinge haben wir aber in der Praxis gelernt. Wir haben uns kennengelernt, als wir gemeinsam für ein Büro in Kiew gearbeitet haben. Vor etwa drei Jahren beschlossen wir, ein eigenes Innenarchitekturstudio zu gründen, da wir beide den Impuls spürten unabhängig zu arbeiten.

Wie würdet ihr ukrainisches Design charakterisieren? Jung, sehr ehrgeizig und wachsend. Es scheint uns, dass ukrainisches Design immer noch nach seinem individuellen Ausdruck und seiner Identität sucht.

Was macht Kiew und die Ukraine gerade für Kreative so spannend? Vor allem ist es das Gefühl der Freiheit. Und hier versammeln sich im Moment junge kreative Menschen, die offen sind: gegenüber neuen Ideen, innovativen Projekten und übergreifenden Kooperationen.

Wie ist es, als Designer in der Ukraine zu arbeiten? Es bedeutet, gleichzeitig mutig und flexibel zu sein. Eine konservative Denkweise ist immer noch allgegenwärtig. Die meisten Menschen haben Angst vor gewagten und ungewöhnlichen Lösungen. Deshalb müssen Designer hier in der Lage sein, ihre Vision zu vermitteln und zu verteidigen. Es erfordert auch viel Experiment, weil sich in der Ukraine vieles noch formt.

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