Eine kurvige Angelegenheit

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Text: Nadine Claudius
Foto: John Horner


„Entwürfe sind wie Turnübungen“, sagt Architekt Nader Tehrani, der gemeinsam mit Monica Ponce de Leon das in Boston ansässige Architekturbüro „Office dA“ leitet. Die Übungen zu erlernen, bedarf es mitunter Zeit, Ausdauer und vor allem Experimentierfreudigkeit. Zu sehen gibt es das Ergebnis dieses sportlich-kreativen Ehrgeizes in Bostons Stadtteil South End: Dort gelang es den Architekten, mit nur einer einzigen, pragmatischen Geste in einer ehemaligen Bank ein Restaurant mit eigener Persönlichkeit zu schaffen. Dies geschah durch genau 168 organisch anmutende Kurven, die sich gefräst aus hellem Birkenholz – wie ein überdimensionales 3-D-Puzzle entlang der Tiefenachse des „BanQ Restaurants” aufreihen. Angenehmer Nebeneffekt: So manche bauliche Unliebsamkeit an der hohen Decke wird kaschiert.

Wie viele Gebäude in South End gehörte auch die Penny Savings Bank aus dem Jahre 1917 zu den  klassizistischen Bauwerken, die noch bis vor einigen Jahren unter Verwahrlosung und Leerstand litten. Neben dem Restaurant in der ehemaligen Schalterhalle des Erdgeschosses finden sich heute Luxuswohnungen in dem Gebäude. Zur Kasse gebeten wird in der Bank heute immer noch, nun allerdings nicht mehr am Schalter, sondern nach dem Verzehren von Köstlichkeiten mit Zutaten aus Indien, China, Japan, Vietnam und Thailand.

Vom Winde verweht

Den Ort selbst als feinsinnig oder zart zu beschreiben wäre unpassend – seine Architektur ist schrill und theatralisch und kommt einem Schrei nach Aufmerksamkeit gleich. „Vergiss mein nicht“ – so könnte er lauten.
Dem eigentlichen Restaurant vorgelagert und sich zur Washington Street hin öffnend findet sich die Lounge mit Barbereich. Ein langer Tresen teilt die Bar von der Hauptfläche des Restaurants ab. Blickt man sich hier um, fühlt man sich wie unterhalb eines riesigen Baldachins, der sich – wenngleich aus Holz – auf- und abneigt, als würde der Wind hindurchfegen. Die Gestaltung der Decke ist zweifellos die bemerkenswerteste Neuerung in dem ehemals verlassenen Gebäude. Dabei verbirgt sich hinter ihr weitaus mehr als nur ein skulpturales Meisterwerk.

Als die Architekten mit der Planung beauftragt wurden, sahen sie sich zuallererst mit einer unansehnlichen, mit technischen Versorgungseinrichtungen übersäten Decke konfrontiert. Am kostengünstigsten und sicherlich einfachsten wäre es gewesen, diese Anlagen unter der Decke einfach komplett schwarz zu streichen und somit für das Auge verschwinden zu lassen. Ein Budget von rund 1,5 Millionen Dollar gab allerdings den nötigen Spielraum, über eine weitaus interessantere Lösung nachzudenken: Wie könnten also diese baulichen Unliebsam- und zugleich Notwendigkeiten unter der Decke zugänglich und gleichzeitig unsichtbar sein, die Raumhöhe effektiv genutzt und auf dem Boden größtmögliche Flexibilität gewahrt werden? Wichtig war auch, eine akustisch wirksame Lösung für die großen Räumlichkeiten zu finden, um den Widerhall zu minimieren.

Raffiniertes Versteckspiel

Die Lösung brachten 168 Sperrholzrippen, die mit einer CNC-Fräse aus Birkensperrholzplatten gefertigt wurden: jede für sich ein Unikat, bestehend aus vier bis zehn Einzelteilen. Hintereinander an Stahl-Ankern aufgehängt und so an der eigentlichen Decke fixiert, reihen sie sich vertikal entlang der Tiefenachse des Restaurants auf und erinnern dabei an flatternde Seiten eines Buches. Ihre Umrisse wurden jedoch so geformt, dass die einzelnen Lagen eine einzige Oberfläche zu formen scheinen. Diese organischen Wellenbewegungen richten sich dabei ausschließlich nach der darüber befindlichen Topografie der Decke und reichen teilweise so tief in den Speiseraum hinein, dass sie die ursprünglich hohe Bankhalle visuell schrumpfen und zu einem gemütlichen Ort werden lassen.

Farblich aufeinander abgestimmt, umfasst der Rest des Interieurs verschiedene Farbtöne von braun-grauen Schattierungen bis hin zu smaragdgrünen Tönen. Der Boden, die Tischoberflächen ebenso wie die Bankreihen in den Separees haben alle die gleiche dunkle Maserung und wurden aus recyceltem Bambusholz gefertigt. Dabei scheint das zebrafellartige Muster die Rhythmisierung der Deckenskulptur spiegeln zu wollen. Im Gegenzug zu den eher unruhigen Oberflächen der Tische und des Bodens wirken die schwarzen Stühle des italienischen Designers Marco Ferreri wie punktuelle Akzente. Vereinzelte Streifen nackten Betons am Boden und Sichtmauerwerk an den flankierenden Innenwandflächen geben den Räumlichkeiten zudem einen industriellen Charakter.

Der stille Ort hört mit

Verlässt man den Speiseraum, um ein vermeintlich stilles Örtchen aufzusuchen, mag sich manch einer wundern: Toiletten, Waschbecken, Öffnungen in den Wänden, Spiegel – sie alle sind oval und präsentieren sich anders als das restliche Restauran in makellosem, ja fast unschuldigem Weiß. Die größte Überraschung dürfte allerdings sein, dass man nicht allein ist. Da sind flüsternde Stimmen von Frauen und Männern, wenn auch nur aus versteckten Lautsprechern. Sie murmeln über dieses und jenes – es scheint, als dürfe man lauschen, was die Gäste des Restaurants so tuscheln: wer mit wem und wo und überhaupt.

„Wallpaper Magazine“ kürte das BanQ Restaurant mit seiner spektakulären Deckenverkleidung und der französisch-asiatischen Fusionsküche zum besten Restaurant dieses Jahres. Mit nur einer einzigen Geste, einer Portion Ironie und unerschrockenem Geist gelang es den Architekten, einem ehemals verlassenen Ort eine neue Identität zu verschaffen, die die wenigsten so schnell vergessen werden.
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