Eine neue Untergrundbewegung

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Text: Tim Berge
Foto: Ty Stange


Mitten im Zentrum von Kopenhagen liegt der Hauser-Platz – ein Ort, der es trotz seiner guten Lage bisher zu wenig Berühmtheit gebracht hatte und daher nur von Autofahrern angesteuert wurde, da sich unter ihm eine Tiefgarage befand. Die Zusammenarbeit des dänischen Architekturbüros Polyform mit dem holländischen Studio Karres en brands machte dem tristen Dasein nun ein Ende: Sie entwickelten für den Hauptsitz des städtischen Reinigungsbetriebs ein in den Boden gepflanztes Arbeitsparadies, das die vorhandene Substanz der Garage nutzt und so auf innovative Art und Weise aus einer veralteten Struktur etwas Neues schafft.
 
 
Der Raum war bereits vorhanden – man müsste ihn nur richtig nutzen, anstatt einen kompletten Neubau zu errichten. Mit dieser simplen Idee überzeugte die Kooperation aus Architekturbüro und einem Studio für Städtebau und Landschaftsarchitektur die Stadt Kopenhagen. Das Ergebnis setzt nicht nur in Sachen Nachhaltigkeit, Arbeitsatmosphäre und Städtebau neue Maßstäbe, sondern überzeugt auch durch gutes Design.
 
Die Maulwurfsperspektive
 
Um den unterirdisch gelegenen Räumen natürliches Licht zuzuführen und eine Aufenthaltsraum im Freien für die Mitarbeiter zu schaffen, wurden Teile der ehemaligen Garagendecke weggeschnitten. Die amorphe Hofform gibt den Blick auf Himmel, Bäume und Dächer der umliegenden Bebauung frei – mehr sieht man nicht von den Häusern, die den Platz umstellen, da das Höhenniveau zu unterschiedlich ist: Die Perspektive muss der eines Maulwurfs sehr nahe kommen. Da es keine Öffnungen nach außen, sondern nur nach oben gibt, bleiben die Mitarbeiter vom Straßenlärm verschont: ein Arbeitsparadies inmitten des Zentrums einer Großstadt.
 
Schlängelndes Fensterband
 
Die wichtigsten Funktionen wurden direkt um den Hof herumgelegt, der durch seine sich schlängelnde Außenkontur an Fensterfläche gewinnt. Die Kantine – für über 100 Mitarbeiter des städtischen Reinigungsbetriebs – nimmt einen Großteil der Fläche ein, zudem gibt es Arbeitsplätze und Orte für Besprechungen. Trennwände wurden keine gestellt, hingegen ist es die amöbenhafte Form der Fassade, die mit ihren Auswölbungen Nischen und Rückzugszonen schafft, die akustisch vom Rest des Raums separiert sind. Nur gesehen werden kann man von überall. Wände und Decken sind in leuchtendes Weiß getaucht und werden nur selten durch helle Grüntöne hervorgehoben, die als Referenz zum Außenraum und umliegenden Park dienen. Neben der natürlichen Beleuchtung sitzen in der Decke kreisrunde Leuchten und zwei große Oberlichter bringen zusätzliches Licht in die tiefer gelegenen Bereiche.
 
Mut zur Lücke
 
Die Dusch- und Umkleideräume stecken in den hinteren Bereichen und sind gänzlich von natürlichem Licht abgeschnitten, was ihrer zurückgezogenen Funktion entspricht. Als Clou wurden einige der Parkplätze der ehemaligen Tiefgarage belassen und durch Fahrradabstellplätze ergänzt. So können die Mitarbeiter direkt an ihren Arbeitsplatz heranfahren, ohne die Umgebung des Platzes mit ihren Autos zu verstopfen.
 
Der auf Straßenniveau liegende Stadtpark wurde in die Neugestaltung einbezogen und bietet den Anwohnern – neben dem Gewinn eines „unsichtbar bebauten“ Platzes – eine grüne Oase im Herzen Kopenhagens. Für die Stadt wird sich das Projekt also vielfach auszahlen: glückliche Angestellte und Anwohner, niedrige Energiekosten und einen neuen Stadtplatz, der trotz Bebauung als Lücke im Stadtgefüge erhalten bleibt.
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