Fabelhafte Rauschverstärker

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Text: Norman Kietzmann
Foto: Reiulf Ramstad Arkitekter


Im norwegischen Nationalpark Trollstigen hat der Osloer Architekt Reiulf Ramstad eine Wanderroute mit Thriller-Faktor entworfen. Rampen aus Beton, Stahl und Glas ragen über Flussläufe und Abgründe hinaus und machen die Bergwelt in einer Nähe und Direktheit spürbar, die bislang nur den Trollen und anderen Bewohnern der schroffen Felsen vorbehalten waren.



Der beste Baumeister ist immer noch die Natur. Kein Architekt wäre je im Stande, Trilliarden an Kubikmetern Stein zu anmutigen Gebirgen aufzuschichten. Und doch braucht die Natur mitunter Helfer, wenn es darum geht, in abgelegene Gebirgsregionen vorzudringen und ihre karge Schönheit zu erschließen. Bereits 2004 lobte die norwegische Regierung hierzu einen Wettbewerb aus, um ein Heiligtum besser zugänglich zu machen: den Nationalpark Trollstigen (zu deutsch Trollleiter) im hohen Norden des Landes.

Weit über 500.000 Touristen erklimmen alljährlich den Weg, der vom beschaulichen Ort Isterdal mit einer Steigung von zwölf Prozent rund 400 Meter in die Höhe führt und dabei elf Serpentinen nimmt. Einen Grund, warum die kräftezehrende Passage nicht langweilig wird, liefert zweifelsohne der 320 Meter hohe Wasserfall Stigfossen, während ein eindrucksvolles Dreiergespann die Route umrahmt: der 1.450 Meter hohe Berg Bispen (Bischof), der 1.614 Meter hohe Kongen (König) sowie der 1.701 Meter hohe Dronninga (Königin).

Nationales Denkmal

Doch allein auf die Wirkung der Natur baut man in Norwegen längst nicht mehr. Insgesamt 18 Landschaftsrouten wurden seit 2005 um Aussichtsplattformen, Hotels und Restaurants ergänzt, die keineswegs in heimeliger Bergromantik daherkommen, sondern bewusst dem Zeitgenössischen verpflichtet sind. Den Wettbewerb für den Trollstigen-Nationalpark konnte der Osloer Architekt Reiulf Ramstad mit seinem Büro RRA Arkitekter für sich entscheiden. Die Passage hinauf zum Pass der Trolle sollte mehr als ein Gefühl für die Natur vermitteln, weshalb eine gehörige Portion Nervenkitzel von Anfang an mit in die Planung eingewoben wurde.

Bereits 2011 wurde am Fuß des Berges das Trollveggen Service Center eröffnet, das über ein rundum verglastes Restaurant verfügt. Damit der Blick auf die Bergkuppen nicht von der Decke abgeschnitten wird, hoben die Architekten die Ecken des 700 Quadratmeter großen Gebäudes zu aufragenden Spitzen an. Nach insgesamt acht Jahren Bau- und Planungszeit wurde im Juni 2012 schließlich der eigentliche Wanderweg fertiggestellt – mitsamt mehreren Aussichtsplattformen, die über reißende Flüsse und tiefe Abgründe hinausragen.

Gestaffelte Ausblicke


In ihrer Materialität wirken die Wege und Rampen wie eine Essenz des Steins, über den sie sich hinwegspannen. Die Treppenstufen wurden aus Beton gearbeitet, die windschützenden Seitenwände aus verrostetem Stahl und am Ende der Plattform setzt eine gläserne Front den Weg in den Abgrund optisch fort. „Wir wollten einen klaren und präzisen Übergang zwischen den gestalteten Zonen und der natürlichen Landschaft erzeugen“, erklärt Reiulf Ramstad das Konzept. Vor allem die verrosteten Oberflächen des Stahls erzeugen einen spannungsreichen Kontrast zu den kühlen Farben des umliegenden Gesteins.

Was die Brücken, Pavillons und Plattformen des Wanderwegs als roten Faden verbindet, ist die Wahrnehmung von Wasser. Schließlich wurden sämtliche Eingriffe so angelegt, dass der Wasserfall Stigfossen beim Auf- und Abstieg aus unterschiedlichen Perspektiven wahrgenommen und die Wucht des Wasserrauschens aus nächster Nähe spürbar wird. Doch so stimmig die Symbiose aus Architektur und Berg auch funktioniert: Wenn im Winter – der in diesen Breiten ohnehin gefühlte zehn Monate währt – Schnee und Eis den Aufstieg unmöglich machen, muss die Route wieder ihren namensstiftenden Unholden überlassen werden.
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