Familienschatulle

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Text: Jeanette Kunsmann

Die Beziehung zwischen Architekten und Bauherrn kann man als Pingpong verstehen: Der eine wünscht und bezahlt, der andere verspricht, entwirft und baut. Beide müssen einander vertrauen. Ob das Werk am Ende gelingt, hängt vom Zusammenspiel ab. Mit von der Partie ist im Fall dieses Hauses die gesamte Familie: die Eltern, denen das Grundstück gehört, und die beiden Schwestern, die hier ebenfalls schon gebaut beziehungsweise die ehemalige Tierarztpraxis des Vaters umgebaut haben. Sie alle teilen sich dieselbe Adresse.

Auch in der Schweizer Provinz, an der Grenze zum österreichischen Vorarlberg, gilt es als speziell, wenn man sein Wohnhaus in den Garten der Eltern bauen möchte. Für die große Familie regelt die Topografie die Aufteilung des elterlichen Gartens. Die Hanglage stellt auch für das neue Haus in Au Vorgaben an das Entwurfskonzept. Das Resultat sähe nicht nur gut aus – „es wohnt sich auch gut“, lobt Pia Heule. Seit einem Jahr lebt die Bauherrin mit ihrer Familie in dem Neubau, den das örtliche Büro Bänziger Lutze Architektur in den Garten ihres Vaters gebaut hat. Die junge Familie wollte kein ganz typisches Wohnhaus, sondern etwas Spezielles, aber von einem Architekten, der aus der Nähe kommt – auch, weil die Hanglage keine einfache Vorrausetzung war. Nach kurzer Recherche entdeckt Pia Heule das Architekturbüro von Markus Bänziger, Luzia Bänziger und Björn Lutze. Ihr gefällt der Neubau, in dem Architekt Björn Lutze wohnt, ein zeitgenössisches Wohnhaus aus Sichtbeton und Stahl. Als „ein ehrliches Material“, bezeichnet Heule den Baustoff, von dem sie ihren Mann überzeugen kann, obwohl er anfänglich noch eine gewisse Skepsis signalisiert. Die Betondecken, die sich konsequent durch das Haus Heule ziehen, gefallen ihm heute umso mehr.

Durch ihren beruflichen Hintergrund als Marketingdirektorin bei dem Traditionsunternehmen Bauwerk Parkett bringt Heule ein ausgeprägtes Gefühl für Architektur, Raum und Oberflächen mit. „Das ist bei weitem nicht bei jedem Bauherrn so“, merkt der Architekt an. Pia Heule definiert gute Architektur über eine klare Formensprache und schöne Materialien. „Ich wollte ein Gebäude, das sich in seine Umgebung integriert. Es darf kein Fremdkörper sein“, findet sie.

Gebaut wird ein Massivbau aus Beton. Damit der Ausblick aus dem dahinterliegenden Elternhaus gewährt bleibt, denken Bänziger Lutze ihren Neubau in die Tiefe: „Ein Geschoss versinkt eigentlich im Boden“, sagt der Architekt und ergänzt: „So kommt es auch zur Drehung im Baukörper.“ Während der untere Gebäudeteil in der Topografie verschwindet, dreht sich das obere Volumen der Sonnenausrichtung nach in Richtung Südwesten. Die Schlafzimmer im Untergeschoss orientieren sich nach Osten. „Wir wohnen ja eigentlich im Keller“, lächelt Heule. Wichtig war ihr dabei, dass man im tiefergelegten Erdgeschoss kein kaltes Gefühl bekommt. Dafür sorgten die Möblierung und der Holzboden, der Wärme ins Haus bringt.

Lieblingsort der Familie ist die Küche: Von der Fensterbank blickt man direkt auf die Berge.

Die Innenarchitektur verstehen Bänziger Lutze als Teil des Gebäudes: Regale, Treppe und Küche sind von den Architekten entworfen und in Zusammenarbeit mit dem Tischler geplant und ausgeführt worden. Durch die Entscheidung, den Beton nur innen zu betonen – „zeigt man ihn beidseitig, ist das sehr aufwendig“, wissen die Architekten –, braucht es einen materiellen Gegenspieler: Holz. Dazu gesellt sich ein drittes Material: Linoleum. „Es bringt nicht nur Farbe in den Raum, es ist ein weiches Material und dabei sehr samtig“, so Lutze.

Die Flächen aus Linoleum bewähren sich im Alltag. Die Familie wollte keine Hochglanzküche, auch hier sollte das Materialkonzept prägend für den gesamten Raum sein. Durch das Vorwissen von Pia Heule bleibt bei der Planung wesentlich mehr Zeit für die Ausarbeitung der Details, die Architekten freuen sich über den Input. Speziell sind zum Beispiel die Griffe. Es sollten keine aufgesetzten Griffe sein, aber auch kein Touch-Griffsystem. Die Lösung findet die Bauherrin am Ende auf Pinterest: Die hinterlegten Öffnungen in den Schrankoberflächen bedeuten zwar einen Mehraufwand in der Produktion, den ihre Handhabe und Wirkung aber absolut rechtfertigt.

Als es um eine passende Lösung für den Boden geht, liegt diese Pia Heule praktisch zu Füßen. Nach ein paar Vorüberlegungen steht fest, dass sich die Verschiebungen der Wohngeschosse mit Formpark Parkett perfekt ausgleichen lassen. „Ein perfektes Match“, erzählt die Bauherrin. „Gerade zur Geometrie des Hauses mit Öffnungen in alle Richtungen passt der Boden einfach sehr gut.“ Heule kennt den Parkettboden, den das Studio Hannes Wettstein gestaltet hat, wie kaum jemand anderes: Es war ihre erste Produktentwicklung, die sie bei Bauwerk betreut hat. Jetzt konnte sie mit diesem ersten Innovationsprojekt das Zuhause für ihre eigene Familie einrichten. Einziehen konnten sie im Herbst 2017. Inzwischen hat die Familie alle Jahreszeiten einmal in dem Hanghaus im Garten erlebt. „Es ist tatsächlich genau so, wie wir es uns vorgestellt haben“, antwortet Pia Heule auf die Frage, ob sie im Nachhinein etwas ändern würden. Ein größeres Lob kann Architektur kaum bekommen.  

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