Ferien im Abguss

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Text: Tim Berge

Hütte, Höhle oder Skulptur? In der Schweizer Ortschaft Flims im Kanton Graubünden steht ein Bau, der ein bisschen was von allem hat. Auf den ersten Blick ist das Refugi Lieptgas ein exaktes Abbild seines Vorgängerbaus, einer traditionellen Maiensässhütte. Erst wenn man sich dem Haus nähert, erschließt sich die Raffinesse.

Kristallklare Seen, tiefe Wälder und Bergmassive wie der fast 2700 Meter hohe Flimsstein prägen das Naturpanorama um das beliebte Reiseziel. Schon Friedrich Nietzsche zeigte sich begeistert von der Landschaft – heute ist die Gegend vor allem bei Skifahrern und Wanderern beliebt. Besonders für Wanderer ist das Refugi Lieptgas interessant, ein Ferienhaus, das sich am Eingang zum Flimser Wald befindet.

Versteinerter Nachbau
Vor 10.000 Jahren formte der Flimser Bergsturz, der größte seiner Art im Alpenraum, das Erscheinungsbild der Gegend. Der Ferienhausneubau von Nickisch Sano Walder Architekten spielt mit den Vorgaben der Natur, ohne sie dominieren zu wollen. Das Gebäude wurde exakt an der Stelle errichtet, an der zuvor eine Maiensässhütte gestanden hatte, ein Unterschlupf für Bauern. Der Standort des Vor- und seines architektonischen Abbildes wurde durch mehrere große Felsbrocken bestimmt, wie sie in dieser Gegend häufig vorkommen. Auf den ersten Blick erscheint das Haus wie eine traditionelle Holzhütte. Doch auf den zweiten Blick wird die Besonderheit des Baus deutlich: Die Architekten Selina Walder und Georg Nickisch entschieden sich, das ursprüngliche Gebäude mittels eines Abgusses in Beton zu bewahren. Für sie sollte die neu gebaute Hütte den Charakter „einer Ruine“ bekommen, als eine Art „Zeugnis der Vergangenheit“ wirken. Die Idee einer „Versteinerung“ war geboren.

Konserviert in Beton
Die Rundhölzer des alten Blockbaus dienten als Schalung für den Beton. Die Außenform des Neubaus zeichnet somit das Innenraumvolumen seines Vorgängers nach und verdeutlicht, neben der künstlerischen Ebene, die geometrische Komplexität einer einfachen Blockhütte. Außerdem wird die Architektur des alten Maiensässhäuschens konserviert: Der Beton zeichnet sämtliche Details der Baumstämme nach. Das Prinzip ist nicht neu: Bekannte Beispiele vom Spiel mit „in Beton abgedrückter Geschichte“ sind das Hutznhaisl von den Berliner AFF Architekten oder die Arbeiten der britischen Künstlerin Rachel Whiteread. Dennoch fasziniert das Projekt auf Anhieb mit seinem subtilen Abstraktionsgrad – und durch seine zugleich einfachen wie spektakulären Innenräume.

Wo früher der Käse lagerte
Die Hütte wird durch eine Tür betreten, die in Lage und Größe dem ursprünglichen Eingang des Baus entspricht. Es eröffnet sich der Wohnraum, dessen Wandoberflächen aus glatt geschaltem Leichtbeton bestehen. Alles ordnet sich der gestalterischen Leitidee unter. So sind auch fast alle Einbauten in Beton gegossen: Küche, Kamin, Sitzbank und Badewanne werden somit zum Teil der Architektur, aus der sie sich herausentwickeln. Die Fenster werden als großflächige Einschnitte gekonnt von den Planern inszeniert und stellen eine unmittelbare Verbindung zum Außenraum dar: die Landschaft als Stillleben. Vom Erdgeschoss führt eine schmale Treppe hinunter in die unterirdische „Schlafkammer“ und zum Bad. Alles erscheint hier grau in grau. Am Fenster ist die Badewanne, eine Vertiefung in einem Betonsockel: Dort, wo früher der Käse hergestellt und gelagert wurde, befindet sich nun der intimste Ort des Hauses mit Ausblick auf den für Passanten verborgenen Felsspalt. Hier erlangt die Naturverbundenheit des Refugi Lieptgas ihren – fast schon dramatischen – Höhepunkt und bringt die Architekten ihrem Wunsch näher, ihr Haus mit der Landschaft verschmelzen zu lassen.

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