Ferienhaus für Revolutionäre

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Text: Norman Kietzmann

In einem Vorort von Havanna steht ein Betonhaus des kubanischen Stadionarchitekten Emilio Castro. Interessant sind an der Casa Flamboyanes nicht nur die raffinierten gestalterischen Details und dass es heute als Ferienunterkunft gemietet werden kann. Es ist vor allem der Name eines prominenten Vormieters: Che Guevara höchstpersönlich.

Alle reden plötzlich über Kuba – und das nicht ohne Grund: 2016 war das Jahr der Inselnation. Barack Obama kam zum Staatsbesuch. Die Rolling Stones gaben ihr erstes Konzert. Madonna feierte ihren Geburtstag und Karl Lagerfeld inszenierte die erste Chanel-Modenschau auf Havannas Prachtpromenade Paseo del Prado. Spätestens seit im Dezember Fidel Castro beerdigt wurde und parallel gleich dutzende neue Flugverbindungen aus und in die USA hinzukamen, steht fest, dass sich in der Stadt am Malecón in Zukunft einiges ändern wird.

Brutalistische Revolutionsarchitektur
Schon heute wird an jeder Ecke in Havannas Altstadt gewerkelt. Große Bauplanen verkünden neue Hotels. Dazwischen werden alte Villen und Paläste wieder instandgesetzt, um der bevorstehenden Besuchermassen Herr zu werden. Dabei muss es nicht immer nur ein Gästehaus im Kolonialstil sein – oder in dem, was sich die Innenausstatter der großen Übernachtungs-Ketten darunter vorstellen. Im Umland von Havanna lassen sich auch Perlen brutalistischer Revolutionsarchitektur buchen wie die Casa Flamboyanes in Cojímar - der erst kürzlich freigeschalteten Internetseite einer amerikanischen Vermietungsplattform sei Dank.

Terrasse und Eingang

Einen Namen hat sich Cojímar vor allem durch die Literatur gemacht. 1952 schrieb Ernest Hemingway dort seine Novelle Der Alte Mann und das Meer, die ihm zwei Jahre später den Nobelpreis einbringen sollte. Noch immer erinnert das Restaurant La Terraza mit unzähligen Fotografien an den prominenten Gast, der jeden Tag mit seinem Motorboot Pilar am Pier des Gasthauses anlegte und an der Bar nach hochprozentiger Stärkung verlangte. Hemingway ließ sich auch häufig mit Fidel Castro ablichten. Die beiden Männer schätzten sich. Dass viele dieser Treffen in Cojímar stattfanden, war kein Zufall. Der beschauliche Fischerort – rund zehn Kilometer östlich von Havanna gelegen – entwickelte sich in den Fünfziger- und Sechzigerjahren zum Feriendomizil der kubanischen Elite, die dort zum Teil beeindruckende Beispiele moderner Architektur hinterließ. Nicht nur Fidel Castro verbrachte seine Wochenenden dort. Auch ein kaum weniger prominenter Mitstreiter suchte in einem 1960 erbauten Betonhaus Erholung: Ernesto „Che“ Guevara.

Die Helden der Revolution
Wie lange er genau in der Casa Flamboyanes lebte, ist ebenso wenig überliefert wie das, was sich hinter den von Palmen umringten Grundstücksmauern zugetragen hat. In Kuba gibt man sich reichlich Mühe, nicht allzu viel Privates über die Helden der Revolution preiszugeben. Doch trotz dieser Absenz an offiziellen Fakten: Die Einwohner von Cojímar bestätigen den prominenten Nachbarn, der sein Feriendomizil übrigens gemietet und nicht gekauft hat. Schließlich gingen alle Gebäude nach der Revolution in Staatseigentum über. Neubauten wie die Casa Flamboyanes wurden fortan nicht mehr von Privatleuten, sondern von den Behörden in Auftrag gegeben und bezahlt. Was dieses Ferienhaus besonders macht, ist jedoch weit mehr als seine Vorgeschichte. Es ist vor allem die Handschrift des Architekten Emilio Castro, der hier ein kleines Meisterwerk geschaffen hat. Der von Fidel Castro bewunderte, aber nicht mit ihm verwandte Baumeister hat sich seit den Sechzigerjahren vor allem mit zahlreichen Stadionbauten auf Kuba einen Namen gemacht. Alles war politisch in der Umbruchphase nach der Revolution. Und was eignete sich besser, die Zöpfe der kolonialen Vergangenheit abzuschneiden, als skulpturale Bauten aus Beton? Die Einflüsse internationaler Größen wie Le Corbusier, Eero Saarinen oder Félix Candela sind spürbar im Werk des umtriebigen Architekten, der mit der Casa Flamboyanes eines seiner wenigen Wohnhäuser realisiert hat.

Feuerrot blühende „Flamboyanes“ säumen die breite Allee, an der die Villa liegt.

„Flamboyanes“ werden im Spanischen die Flammenbäume genannt, die im Frühjahr und Sommer feuerrot blühen. Genau diese Bäume säumen die breite Allee, an der das Ferienhaus mit seinen rotbraunen, rosafarbenen und türkisen Dächern von Weitem ins Auge fällt. Schon hinter der Tür zum Grundstück fühlt man sich zuhause. Eine Veranda heißt Gäste im Halbprivaten willkommen. Das Dach wird in den Abendstunden von zahlreichen Geckos bevölkert, die im Schein einer Außenleuchte auf Mückenjagd gehen. Die einladende Geste wird im Inneren des Hauses verstärkt. Nach dem Betreten des Hauses findet man sich direkt in einem kleinen Salon mit einer Sitzgruppe wieder statt in einem neutralen Korridor. Emilio Castro hat damit ein typisches Element traditioneller kubanischer Häuser aufgegriffen. Für Atmosphäre sorgen senfgelb-türkis verputzte Wände mit dekorativen Kreiselementen, die die Unbeschwertheit der Fünfzigerjahre lebendig machen. Die Gäste werden in diesem Raum mit einem Cocktail begrüßt, der von einer Dame zubereitet wird, die am Morgen auch das Frühstück auf der Terrasse serviert.

Schlafen inmitten des Dschungels
Die Casa Flamboyanes verfügt über zwei Schlafzimmer. Der Master Bedroom liegt im Erdgeschoss. Das geringfügig kleinere Schlafzimmer befindet sich im Obergeschoss mit direktem Zugang zur Dachterrasse. Ein ungewöhnliches Detail offenbart sich an den Fenstern, die von metallenen Gittern vor unerwarteten Besuchern geschützt werden. Anstelle konventioneller Glasfronten hat Emilio Castro rund zehn Zentimeter breite Glaslamellen verwendet. Durch die Variation ihres Neigungswinkels kann die Luftzirkulation im Haus auf natürliche Weise gesteuert werden. Der Nebeneffekt: In der Nacht dringen die Geräusche quakender Frösche und anderer Tiere in ungefilterter Lautstärke herein. Man bekommt das Gefühl, inmitten des Dschungels zu schlafen. Trotzdem fühlt man sich an diesem Ort gut aufgehoben, der drinnen und zugleich draußen ist.

Dass sich die Casa Flamboyanes als perfekt durchkomponiertes Ensemble der Jahrhundertmitte präsentiert und vor knapp einem Jahr grundlegend renoviert wurde, ist den neuen Eigentümern zu verdanken: den Gründern der Galerie Factoría Habana, eine wichtige Adresse für zeitgenössische Kunst in Havanna. Nicht ohne Grund wählte Karl Lagerfeld genau diesen Ort, um seine Chanel-Modenschau mit einer Fotoausstellung und anschließendem Fest abzurunden. Und so geben sich das neue und das alte Kuba die Hand: verbunden durch die Räume einer tropischen Betonarchitektur, der selbst die Anführer der Revolution nicht zu widerstehen vermochten.

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