Fliegendes Dach: Wohnen im brasilianischen Regenwald

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Text: Tim Berge, Foto: Nelson Kon

Als wäre die Urhütte als minimalistische Betonstruktur nachgebildet worden: Ein Ferienhaus in Brasilien, das inmitten des dichten Regenwaldes und in unmittelbarer Nähe zum Strand steht, wurde in seiner Gestalt auf das Wesentliche reduziert. Wo sich das größere Schauspiel abspielt – in der radikal geöffneten Wohnskulptur oder der üppigen Natur – kann nur jeder für sich selbst entscheiden.

Ein Dach: Mehr brauchte es früher nicht, um den Menschen vor seiner Umwelt zu schützen. Doch Anforderungen und Bedürfnisse haben sich stark verändert – und so wird ein Haus ohne Wand und Tür wohl kaum mehr unserer Sehnsucht nach Sicherheit und Komfort gerecht. Dass es aber auch anders geht beweist ein Wohnhaus in Itamabuca, einer kleinen Ansiedlung an der brasilianischen Südost-Küste, nördlich von São Paulo. Der Architekt Gui Mattos platzierte zwar eine steinerne Bodenplatte mit einem darüberliegenden Dach auf dem Grundstück und markierte damit den Wohnort – aber der Platz wirkt alles andere als vom Menschen besetzt. Dafür sorgt die mögliche Öffnung des Hauses zu allen vier Seiten.

Markierung aus Beton
Die Bodenplatte ist ähnlich einer Bühne leicht vom umgebenden Terrain angehoben. Unter dieser Stufe verbirgt sich nicht nur die notwendige Haustechnik, sie ist gleichzeitig auch eine umlaufende Sitzbank für die Bewohner. Das Dach, getragen von acht Stützen, schwebt über dem Haus wie eine grafische Markierung. Dazu trägt die Form einer auf den Kopf gestellten Pyramide bei, deren vier Seiten sich über der Mitte des Neubaus treffen. Die prismatische Form ist aber nicht nur Ornament, sie sorgt auch für eine bessere Durchlüftung des Gebäudes und eine gute Isolation nach oben – nicht unwichtig bei einer Behausung im Regenwald. Die vier Fassaden bestehen aus raumhohen, schiebbaren Fensterelementen, die sich fast vollständig öffnen lassen.

24 Stunden Naturspektakel
Die privaten Rückzugsräume behandelte Mattos wie Möbelstücke: Er schob zwei mit Holz verkleidete Kisten zwischen Boden- und Deckenplatte und hob eine weitere auf das Dach. In ihnen finden sich die Schlaf- und Badezimmer. Um sie herum ordnen sich der Wohn-, Koch- und Essbereich an. Sämtliche Einbauten und Möbel sind aus dunklem Holz und laden zum entspannten Genuss des Naturspektakels ein, das sich sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag um das Gebäude herum abspielt. Durch die nach außen ansteigenden Decken und scheibenartig geformten Stützen eröffnet sich den Bewohner ein ungestörtes Panorama auf die Umgebung. Auch die Treppe, die Erd- und Obergeschoss miteinander verbindet, scheint unsichtbar: Die dünnen, schwarzen Metallstufen, die von der Decke abgehängt wurden, lösen sich vor der natürlichen Kulisse mit ihren Farben auf.

Kontrast auf dem Dach
Auf dem Dach platzierte der Architekt den Großteil der Schlafräume: Mit nur wenigen schmalen Fenstern ausgestattet wirken sie im Vergleich zu dem restlichen Wohnbereich geradezu introvertiert. Dazu trägt auch die hölzerne Oberfläche von Wand, Boden und Decke bei, die den Räumen einen wohnlich-intimen Charakter verleiht. Mit dem Neubau hat Gui Mattos eine Gegenüberstellung verschiedener Extreme geschaffen, die sich gegenseitig beeinflussen. Mensch und Natur, Rückzug und Öffnung, Komfort und Wildheit bilden die Pole, zwischen denen sich die Bewohner in ihrer neuen Unterkunft bewegen und damit ein spannungsvolles Wohnkonzept auf seine Tauglichkeit überprüfen können.

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