Form Follows Money: Ferienhaus in Sullivan County

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Text: Tim Berge
Foto: Noah Kalina

Es ist eines dieser kleinen, feinen Projekte, die dem Betrachter ein Gefühl für gute Architektur vermitteln und den Glauben an deren Bezahlbarkeit zumindest für kurze Zeit aufleben lassen. Das 33 Quadratmeter große und gerade einmal 20.000 Dollar teure Ferienhaus inmitten eines Waldgebiets, das zum US-Bundesstaat New York gehört, fügt sich gleichermaßen unscheinbar wie selbstbewusst in sein natürliches Umfeld ein.

Sullivan County ist für seine üppige Natur und als Veranstaltungsort des legendären Woodstock Festivals bekannt. Inmitten der hügeligen und bewaldeten Landschaft hat das New Yorker Architekturbüro Jacobs Chang einen Rückzugsort geplant, der sich auf seiner minimalen Grundfläche auf das Wesentliche reduziert und dabei auch gleich auf fließendes Wasser und einen Stromanschluss verzichtet. Den Bauherren stand ein geringes Budget für den Bau zur Verfügung, daher wünschten sie sich ein Gebäude, das sie selbst mit Hilfe von Freunden und ohne den Einsatz großer Baugeräte errichten konnten. Deshalb lösten die Planer die Konstruktion vom schräg abfallenden Boden los und ersparten ihren selbstbauenden Auftraggebern aufwendige Ausgleicharbeiten sowie den kostenintensiven Einsatz von Beton.

Making-of
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Schwebendes Fundament
Der sogenannte Fußabdruck des Gebäudes bleibt also minimal, da das Haus den Waldboden kaum berührt. Einzig an zwei Eckpunkten ruht die Hütte auf zwei vorgefertigten Betonpfeilern – von da an geht es durch das stark abfallende Gelände für die Holzkonstruktion in die Luft und zwischen die umliegenden Bäume. Mit einigen seiner natürlichen Nachbarn ist das schwebende Fundament über Metallbolzen verbunden, dadurch findet es seinen Halt. Und auch der Name des Projekts – Half-Tree House – liegt hier begründet. Das Material für die Außenverkleidung wurde, wie auch das Holz der Unterkonstruktion, vor Ort gefällt und bearbeitet. Um die Wartung der Fassade so gering wie möglich zu halten und das Gebäude für die langen, nassen Winter zu wappnen, ließen die Architekten die Bretter mit skandinavischem Kiefer-Teer behandeln, wodurch das schwarze Erscheinungsbild der Hütte entstanden ist.
Spartanisches Mobiliar
Im Inneren setzt sich die kluge Inszenierung des natürlichen Umfeldes mittels einfachster Mittel fort. Im Kontrast zum Außenbereich sind die Holzbretter an Wänden und Decke weiß gestrichen, der Boden wurde mit transparentem Lack behandelt und behält dadurch seine natürliche Anmutung. Ein kleiner, freistehender Ofen, ein großer Tisch mit Gaskochplatte, eine Matratze und ein Sessel bilden das spartanische Mobiliar der Hütte – alles ordnet sich dem Ausblick unter. Diesen fangen die Architekten mit drei raumhohen Drehtüren an drei Seiten ein, die den Raum vollständig nach außen öffnen können.

Das Half-Tree House ist ein beeindruckendes Projekt: Die skulpturale Form und Einmaligkeit der Konstruktion sind nicht das Ergebnis eines architektonischen Egotrips, sondern das Produkt eines wunderschönen, aber schwierigen Ortes und schmalen Budgets, dass die Architekten zu neuen Denkweisen zwang. Aber wie so oft beflügeln Probleme Menschen zu Höchstleistungen.

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