Forscherhügel mit Alpenblick

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Text: Jasmin Jouhar


Auch wir gratulieren SANAA natürlich zur Verleihung des Pritzker-Preises! Denn wer hätte die prestigeträchtige Auszeichnung mehr verdient als die beiden Japaner, die erst in jüngster Zeit in die Liga der hochberühmten Starchitects um Rem, Zaha und Co. aufgestiegen sind? Mit ihren Bauten wie dem Serpentine Pavillon von 2009 oder dem New Museum in New York haben die diesjährige Kuratorin der Architekturbiennale Kazuyo Sejima und ihr Partner Ryue Nishizawa bewiesen, dass sich auch mit einer unaufgeregten Attitüde Icon Buildings bauen lassen. Das kürzlich fertig gestellte Rolex Learning Center in Lausanne reiht sich ein in ein Werk, das mit unkonventionellen Raumgefügen und großer Präzision bis ins Detail beeindruckt.


Pünktlich zur anstehenden Entscheidung der Pritzker-Jury wurde am Genfer See das neue Hochschulgebäude für die Ecole Polytechnique Fédéral de Lausanne (EPFL) eröffnet, selbstverständlich unter großem internationalen Medieninteresse. Der flache, nur eingeschossige Bau erstreckt sich am Südrand des weitläufigen EPFL-Campus’ und vereint unterschiedliche Nutzungen auf einer landschaftlich gewellten Ebene mit rechtwinkligem Grundriss. In dem nach dem Hauptsponsor benannten Gebäude befinden sich verteilt auf rund 20.000 Quadratmetern Fläche eine große Forschungsbibliothek, Einzel- und Gruppenarbeitsplätze, Seminarräume, ein Auditorium, Cafeteria und Restaurant. Der offene Raum wird nur unterbrochen von einigen eingestellten runden Baukörpern, teilweise aus Glas, teilweise nicht einzusehen. SANAAs Entwurf eines Lernkontinuums ersetzt Wände durch Hügel und inszeniert die täglichen Wege der Studenten mit Steigungen, Gefällen und Sichtbeziehungen im Inneren – und mit Blicken nach Draußen über den Genfer See, bei klarem Wetter bis zum Mont Blanc. Ein Universitätsgebäude wie ein Campus.

Eingang im Käseloch

Von außen wirkt das Hochschulzentrum ein bisschen wie eine liebevolle Parodie auf die Schweiz: hügelig wie eine Alp, durchlöchert wie eine Scheibe Emmentaler liegt es da, ausgebreitet zwischen konventionellen Verwaltungsgebäuden und Parkplätzen. Die Bodenplatte aus Sichtbeton und das Dach sind parallel zueinander gewellt. Dazwischen steht eine vollständig verglaste Außenwand mit filigranen Rahmenprofilen. In das Sandwich hineingeschnitten sind verschieden große, organisch gekurvte Öffnungen, die als gläserne Patios Licht in den tiefen Innenraum lassen und auch betreten werden können. Der Haupteingang liegt da, wo man ihn am wenigsten erwartet: in der Mitte des Gebäudes. Die Wege dorthin verlaufen unter den aufgebogenen Partien des Learning Center, ins Innere gelangt man dann durch eines der Käselöcher. Mit seinem flachen Profil und dem unkonventionellen, nicht-hierarchischen Raumgefüge ähnelt das Haus anderen SANAA-Projekten wie dem 21st Century Museum of Contemporary Art Kanazawa in Japan oder dem Toledo Museum of Art in den USA.
 
Flaneur am Bibliotheksregal

Der erste Eindruck im Inneren ist Helligkeit und Weite. Weil die verschiedenen Bereiche in die hügelige Landschaft eingebettet sind, erschließt sich das Haus nicht auf einen Blick. Es lädt zum Flanieren ein, zum Erklimmen der Anstiege, zum Umherstreifen zwischen Sitzgruppen, Patios und Bibliotheksregalen. Darin ist es das Abbild eines Bildungsideals, bei dem es nicht alleine um zielorientiertes Arbeiten geht – Lernen und Forschen kann auch von ungewohnten Perspektiven, neuen Nachbarschaften und Zufallsfunden inspiriert sein. Die locker im Haus verteilten Arbeitplätze – teilweise nicht mehr als gepolsterte Hocker – erinnern zudem daran, dass mit Notebooks und drahtlosem Internet Wissensarbeit ortlos sein kann. Und dass informelles Zusammentreffen und Austausch als ideale Kommunikationsformen der Gegenwart gelten.

Vereinigte Perfektionisten

Auf jeden Fall wirkt das Learning Center nicht überprogrammiert: Es erscheint großzügig und offen für verschiedene Nutzungen. Der freie, dabei jedoch zurückgenommene Charakter rührt sicherlich auch von der Architektursprache her, die wie immer bei SANAA auf alles Laute verzichtet. Es ist zweifellos ein effektvolles Gebäude in seiner landschaftlichen Anlage, aber die Inszenierung drängt sich nicht auf. Weil die beiden Japaner auch in Lausanne auf Reduktion setzen: keine Farben außer Weiß und Grau, feine Materialität und eine bis an die Grenze des Wahrnehmbaren zurückgedrängte und verkleidete Konstruktion. Lediglich ein Raster dünner weißer Stützen bevölkert den offenen Raum. Diese Leichtigkeit wurde mit einigem Aufwand bei Planung und Bau erkauft – und war so wohl nur in der Schweiz umzusetzen. Denn der Hang zur Perfektion ist gleichermaßen Teil der Schweizer wie der japanischen Mentalität.

Zumutungen des Alltags

Wir wollen die prosaischen Begleiterscheinungen des ambitionierten Konzepts nicht verschweigen: In einem offenen Raum mit verschiedenen Funktionen ist die Geräuschkulisse naturgemäß ein Problem. Eine flächendeckende, graue Auslegeware soll die Akustik verbessern – allerdings wirken auch die Bodenwellen abschottend. Breite Streifen aus Kunststoff auf dem Boden unterstützen sehbehinderte Menschen bei der Orientierung im richtungslosen Bau ohne Flure und Wandflächen. Rampen und ein Schräglift helfen Rollstuhlfahrern, selbständig die Gefälle zu überwinden. Solche Einrichtungen zur Barrierefreiheit sind fraglos zwingend für eine öffentliche Einrichtung; dem Streben nach ästhetischer Klarheit und strenger Reduktion mögen sie dagegen nicht unbedingt förderlich sein. Genauso wenig wie die großen Standuhren des Hauptsponsors, die im Gebäude verteilt sind und nicht eben von der Schlichtheit japanischer Gestaltungsphilosophie zeugen. Es wird sich zeigen, wie die stilisierte Architektur des Learning Center diesen und anderen Zumutungen des Alltags gewachsen sein wird.
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