Freundlicher Empfang

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Text: Katja Neumann
Foto: Lukas Roth

An die Tiefgarage an sich hat der Normalbürger in der Regel keinen besonderen, gestalterischen Anspruch. Zu sehr ist die Vorstellung von funktionalen, dunklen und erdrückend wirkenden Betonbauten in den Köpfen verhaftet. Schließlich parkt man dort lediglich sein Auto. So findet man sich mit den unterirdischen „Betonhöllen“ eben ab und sucht nur schnellstmöglich den Weg an die Oberfläche. Den Beweis, dass es auch anders sein kann, trat der Architekt Marco Serra im schweizerischen Basel an, indem er für den Pharmahersteller Novartis eine innovative Tiefgarage und das Empfangsgebäude neu gestaltete. Die offene, freundliche und angenehme Atmosphäre der Neubauten ist dabei auch auf die Beleuchtung zurückzuführen, für die die Lichtplaner von Licht Kunst Licht verantwortlich zeichneten.

Bereits seit einigen Jahren entstehen auf dem Baseler Werksareal von Novartis ambitionierte Verwaltung- uns Laborgebäude. Dies ist dem Anspruch geschuldet, das Industriegelände zu einem attraktiven Forschungsstandort zu wandeln. So macht der gestalterische Anspruch auch vor Verkehrsbauten wie der Tiefgarage oder dem Pförtnergebäude nicht Halt. Der Pharmakonzern hat seinen Haupteingangsbereich mit einer geschickten Planung, in der Architektur, Licht- und Landschaftsplanung ineinander greifen, neu geordnet und empfängt seine Besucher nun mit einer taghellen Tiefgarage und einem eleganten Glaspavillon als Empfangsgebäude inmitten eines firmeneigenen Parks.

Klar, großzügig und freundlich: Die Tiefgarage

Diese Grünfläche auf dem Campusgelände, auf dem die Mitarbeiter ihre Mittagspause im Freien verbringen können, sollte erhalten bleiben und nicht durch ein unschönes Parkgebäude oder betonierte Autostellflächen besetzt werden. Somit gestaltete der Baseler Architekt Marco Serra eine zweigeschossige Tiefgarage mit 1200 Stellplätzen, die sich erheblich von den gängigen Vorstellungen eines Parkhauses unterscheidet. Ausgehend von dem Gedanken, dass die Tiefgarage für Besucher, die mit dem Auto anreisen, den ersten Eindruck vom Firmensitz darstellt, legte man auf die Gestaltung dieses Bereiches besonderen Wert. Das Ziel bestand darin, die übliche Parkhaus-Atmosphäre zu vermeiden und stattdessen eine freundliche und repräsentative Umgebung zu schaffen, die Sicherheit und Behaglichkeit ausstrahlt. So basiert das räumliche Konzept auf Übersichtlichkeit und einer offenen Grundstruktur, die lediglich von frei im Raum stehenden Treppenhauskernen unterbrochen wird. Um das klare Bild zu vervollständigen, verbergen sich Rohbau und die technische Installation wie Brandschutz, Lüftung und Beleuchtungstechnik, vollständig unter den massiven Betondecken und hinter den Verkleidungen der Außenwände. Dem Auge des Betrachters werden stattdessen Decken, Stützen und ein Boden in hellem Weiß präsentiert, einer Farbe, die Frische und Sauberkeit vermittelt. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die für Parkhäuser ungewöhnlich großzügige Raumhöhe von über drei Metern.

Licht für Sicherheit und Behaglichkeit

Auch das Beleuchtungskonzept der Licht Kunst Licht AG für die unterirdischen Stellplätze stützt das Konzept des Architekten zur Schaffung einer angenehmen Räumlichkeit. Eine sehr gleichmäßige Ausleuchtung der Ebenen ohne starken Schattenwurf erhöht das Sicherheitsgefühl und statt des weit verbreiteten Lichts von Leuchtstoffröhren wurden warmweiße LED als Lichtquellen eingesetzt.
Gestalterisch elegant zeigen sich die Außenwände der Tiefgarage mit einer Verkleidung aus raumhohen Edelstahlpaneelen, deren fein genoppte Oberfläche in einem warmen Champagnergoldton schimmert. Die acht Meter langen Paneele lösen sich dabei schuppenartig von der Wand und ragen leicht schräg in den Raum. Aus der senkrechten Fuge zwischen Wand und Paneel tritt ein gleichmäßiger Lichtschein, der die Edelstahlflächen dezent hinterleuchtet. Die geschuppte Anordnung und Beleuchtung der Paneele hat neben der eleganten Erscheinung noch einen weiteren Vorteil, hinsichtlich der Orientierung: Solange man sich in Fahrtrichtung bewegt, bleiben die LED-Lichtquellen verborgen. Sollte man sich in die falsche Richtung bewegen, wird dies sofort und intuitiv durch das entgegen strahlende Licht erkennbar.
Zur Beleuchtung der Fahrbahn selbst dienen Downlights, die bündig in die abgehängt Decke eingelassen sind und deren Licht in einem breiten, gleichmäßigen Lichtkegel zu den Stellplätzen hin weich ausläuft. Um die Parkplatzsuche bei starker Frequentierung zu vereinfachen, zeigt eine kleine Deckenleuchte über jedem Stellplatz mit rotem oder grünem Licht an, ob der Parkplatz frei oder belegt ist. Bevor man also in eine Parkgasse einbiegt, genügt ein Blick zur Decke, um zu wissen, ob es sich lohnt oder ob man doch besser weiter fährt. Die Betonoberfläche der Treppenhauskerne sind im Gegensatz zu den verkleideten Außenwänden sichtbar, jedoch mit Streiflicht angestrahlt. Das Licht kommt bündig aus in den Boden eingebauten LEDs, die in einem eher kaltweißen, tageslichtähnlichen Ton nach oben strahlen und damit andeuten, dass die Treppenhäuser nach außen führen.

Gläserner Empfangspavillon

Über das Treppenhaus erreicht der Besucher schließlich den gläsernen Eingangspavillon, der ebenfalls neu gestaltet wurde. Inmitten des Firmenparks liegt das von vier Seiten verglaste Gebäude, dessen schlanke, weiße Dachscheibe sich weit über die Fassade hinaus erstreckt. Dabei ruht diese Dachfläche ausschließlich auf der Ganzglasfassade, getragen von gläsernen Stützen. Dünne Stahlbänder zwischen den paarweise angeordneten tragenden Glasschwertern dienen dazu, das Dach bei Wind am Abheben zu hindern. Die filigrane Transparenz des Empfangsgebäudes lässt dabei fast vergessen, dass hier der Zugang zum Campus kontrolliert wird, womit das Gebäude quasi auch als „Sicherheitsschleuse“ dient. So lassen sich zum Beispiel bei Gefahr Panzerglasscheiben rund um den mit braunem Leder bezogenen Empfangstresen hochfahren.
Seine volle Wirkung entfaltet das gläserne Gebäude jedoch erst bei Dunkelheit: So scheint die große Dachscheibe, von unten angestrahlt, als weiße Fläche leicht in der Luft zu schweben. Das Licht stammt zum einen aus linearen Uplights, die zusammen mit Konvektoren kurz hinter der Fassade in den Boden eingelassen sind, zum anderen aus Leuchten, die sich in einem schrankähnlichen, nach oben offenen Element in der Raummitte verbergen. Auf diese Weise bleiben die Lichtquellen von außen unsichtbar, vermeiden jede Blendung und sorgen für einen sehr gleichmäßigen Lichteindruck. Die nötigen Beleuchtungsstärken am Empfangstresen gewährleisten zusätzliche Arbeitsplatzleuchten.

Kunst auf dem Campus

Im Zuge der Neuordnung des Haupteingangsbereiches wurde neben Parkhaus und Empfangsgebäude auch ein Verbindungsgang zu den ersten Gebäuden auf dem Campus erstellt. Gestaltet von der Wiener Künstlerin Eva Schlegel, die auch für die Treppenhausausgänge aus der Tiefgarage sowie die Überdachung der Ein- und Ausfahrtsrampen verantwortlich zeichnet, führt der 48 Meter lange, überdachte und verglaste Walkway in das Gelände hinein.
Vor dem Empfangsgebäude platzierte der Kölner Bildhauer Ulrich Rückriem sein Werk „Wellenbrecher“: Massive, 80 Zentimeter hohe Rohblöcke aus Dolomit, die auf einer Verkehrsinsel nebeneinander gelegt sind. Als Gegenstück dazu stellte er eine Stele aus rötlichem Granit auf, die mehr als sechs Meter in den Himmel ragt. Damit unterstreicht die Massivität der beiden Kunstwerke die Leichtigkeit des neuen Empfangsgebäudes nur umso mehr.

Auch hinsichtlich der Energieeffizienz mussten alle eingesetzten Leuchtmittel dem Anspruch genügen, der für alle Gebäude auf dem Campus gilt: Der Energieverbrauch der Bauten soll nur ein Drittel eines durchschnittlichen Schweizer Bürogebäudes betragen.


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