Frisch eingeschult

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Text: Nina C. Müller
Foto: Tim Van de Velde

Mit der Schulzeit ist das so eine Sache. Während die einen sich noch immer freudig daran zurückerinnern, sind die anderen heilfroh, dass sie ihre alte Schule, oder kurz: das alte Klassenzimmer-Linoleum, nicht mehr betreten müssen. Dass sich eine Rückkkehr in die alten Bildungsbauten jedoch durchaus lohnen könnte, zeigen die belgischen Architekten von Lieven Dejaeghere. Mit wenigen Eingriffen verwandelten sie eine alte Schule in Izegem in attraktive Wohn- und Lebensräume (für alle).

Schon zwischen 1913 und 1937 errichtet, diente der alte Bau in Izegem bei Kortrijk lange Jahre als Schule, bis die Institution im Jahr 2007 schließlich geschlossen wurde. Was tun mit 17 leerstehenden Klassenräumen und einer Fläche von fast 1.300 Quadratmetern? Eine lokale Wohnungsbaugesellschaft entschied, das historische Gebäude in ein soziales Wohnprojekt zu verwandeln und schuf mit den Planern von Lieven Dejaeghere komfortablen wie bezahlbaren Wohnraum mitten im Grünen.


Lehrreiche Architektur  

„Die Heilig Haartschool hat noch immer einen großen geschichtlichen Wert für die Stadt, weshalb die Einzigartigkeit des Gebäudes unbedingt erhalten werden sollte“, sagen die Architekten. So passten sie die beiden Hauptflügel wie auch das Pförtnerhaus der einstigen Schule den zeitgemäßen Wohnbedürfnissen an, ließen die tragenden Wände, Dächer und Türen jedoch im Originalzustand. Jeder Klassenraum wurde zu einer separaten Wohneinheit. Damit stellten die belgischen Planer sicher, dass auch der einstige Grundriss in seiner ursprünglichen Form wahrnehmbar bleibt. Weitere fünf Neubauten mit größeren Wohnflächen und Terrassen wurden ebenfalls in Material und Format an den Bestand angelehnt.

Grundriss und Lageplan
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Das fliegende Klassenzimmer

Statt typischer Trennwände verwendeten sie in den Innenräumen lediglich deckenhohe Abtrennungen und Schiebetüren aus Glas, um Schlaf-, Bade-, Wohnzimmer und Küche voneinander zu separieren. Auf diese Weise kann das natürliche Licht in alle Bereiche der Wohnungen dringen. Mal mit transparenten, mal mit milchigen Oberflächen versehen, schaffen die gewächshausartigen Glasfronten unterschiedliche Level an Privatsphäre, sorgen aber zugleich für ein entspanntes Loft-Gefühl. Unterstützt wird dieser Eindruck von zahlreichen großformatigen Fenstern, die Ausblicke in die zentrale Grünfläche, den ehemaligen Schulhof, ermöglichen.

Back to school

„Die gläsernen Wände bilden zwar visuelle Abgrenzungen, erhalten aber den ursprünglichen Klassenraum-Charakter“, so die Architekten. Und auch sonst fühlt man sich im Inneren noch immer ein wenig an seine alte Grundschule erinnert: Während Einbauschränke, Türen und Möbel funktional gehalten sind, erzeugen farbige Fliesen lebendige Muster auf den Böden. In den Fluren ließen die Architekten schlichte Grautöne verlegen, in den Wohnräumen hingegen warme Farbkombinationen aus Beige, Ocker und Braun. Hinzu kamen bewusste farbliche Akzente in Orange und Apfelgrün für die Wände, mit denen die belgischen Planer die einzelnen Abschnitte des offen angelegten Wohnraums unterstreichen.


So entsteht ein luftiges, freundliches Raumgefühl, das die Substanz des alten Baus dezent in die Gegenwart überträgt, ohne an Wohnkomfort für seine heutigen Bewohner einzubüßen.

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