Gaudís Nummer eins: Casa Vicens in Barcelona

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Text: Markus Hieke, Foto: Pol Viladoms

Er zählt zu den berühmtesten Baumeistern der jüngeren Geschichte. Sein größtes Werk befindet sich selbst mehr als neunzig Jahre nach seinem Tod noch immer im Bau. Nun wurden in Barcelona die Räume eines lang gehegten Juwels für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht: Antoni Gaudís erstes Haus in der katalanischen Stadt, die Casa Vicens im Stadtteil Gràcia.

Ein wenig erinnert der Bau hinter dem schwarzen, mit Palmwedeln verzierten Zaun an ein willkürlich abgestelltes Stück Torte: saftige Farben und reichlich Dekor. Umringt wird er von historischen Wohngebäuden und faden Sechzigerjahrebauten in einer engen Straße im Herzen der Stadt. Antoni Gaudí i Cornet (1852–1926) ist gerade 25, als er vom Börsenmakler Manuel Vicens i Montaner mit dem Bau einer Sommerresidenz beauftragt wird. Von 1883 bis 1885 entsteht das Gebäude im Stil des katalanischen Modernisme, den Gaudí in den folgenden Jahren entscheidend prägt.

Die verschiedenen Phasen des Umbaus werden auf dem Dach gut sichtbar.

In seiner Struktur folgt das Haus traditionell katalanischen Konstruktionstraditionen. Gestalterisch aber entwickelt der Architekt etwas nie Dagewesenes: komplexe Verzierungen, bunt geflieste Fassaden, Referenzen zur Natur sowie einen Mix aus Mudéjar-Stil und Orientalischem. Von kurvenreichen Ornamenten, für die er später berühmt wird, ist bislang wenig zu erkennen. Nach dem Tod des Bauherrn wird das Haus verkauft, im Jahr 1925 durch Joan Baptista Serra de Martínez (1888–1962) erweitert und soll fortan drei Familien beherbergen – wofür eigens ein neues Treppenhaus eingerichtet werden muss. Auch das Grundstück wird in der Zeit vergrößert, so dass der Garten bis an die angrenzende, heutige Avinguda del Príncep d’Astúries reicht. In den Jahren danach erlebt der Bau immer wieder Umgestaltungen, das Grundstück wird nach und nach zu Teilen verkauft.

Restaurierung und Umnutzung
Heute trägt es wie fünf weitere Gebäude des Architekten in Barcelona den Unesco-Welterbetitel. Für die Wiederbelebung und Restaurierung der Casa Vicens wurden die Architekturbüros Martínez Lapeña & Torres Arquitectes und Daw Office aus Barcelona beauftragt. In einem sorgsamen Prozess konnte das Gebäude saniert und der Urzustand nach Gaudís Plänen wieder sichtbar gemacht werden. „Mit dem Ziel, historisch und wissenschaftlich ein äußerst präzises Ergebnis zu erzeugen, hat das Gestalterteam verschiedene Dokumente dieser Zeit untersucht, um dem ursprünglichen Projekt so getreu wie möglich zu sein“, heißt es dazu bei der Gesellschaft Casa Vicens Gaudí.

Dekor und Farben wurden originalgetreu restauriert.

Um den Bau künftig auf vier Ebenen als Museum nutzen zu können, wurden dem Erdgeschoss im Bereich des 1925 entstandenen Gebäudeteils eine Rezeption und dem Untergeschoss ein Shop und Toiletten hinzugefügt. Darüber hinaus wurde hier auch ein gänzlich neues Treppenhaus sowie ein Aufzug konstruiert, so dass die Treppen des originalen Einfamilienhauses nach Gaudís Plänen wiederhergestellt werden konnten. Im Garten lädt ein neu errichtetes Café zum Verweilen ein.

Gezeigt wird in der nun eröffneten Casa Vicens eine permanente Ausstellung rundum die Villa als Teil von Antoni Gaudís Œuvre sowie ihre Bedeutung im sozialen, kulturellen und künstlerischen Kontext. Daneben sind wechselnde Ausstellungen und pädagogische Aktivitäten im Programm.

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