Gekommen, um zu bleiben

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Text: Claudia Simone Hoff
Foto: Hufton + Crow


Konzentriert steht er dicht an der Absprungkante. Er strafft seinen Körper, holt kurz Luft und wirbelt mit einem Dreifach-Salto elegant ins Wasser. Während unbändiger Applaus aufbrandet, taucht er auf aus dem kühlen Nass. Lauter noch als bei den Turmspringern geht es zu bei den Schwimmern. Egal ob Lagen, Delphin oder Freistil – das Publikum feuert seine Stars frenetisch an. So oder so ähnlich spielen sich die Sprung- und Schwimmwettbewerbe dieser Tage ab bei den Olympischen Spielen in London. Ob die Zuschauer da noch Augen haben für die gebaute Umgebung? Sollten sie, hat Zaha Hadid mit dem Aquatics Centre im Olympic Park doch eine Architektur geschaffen, die ebenfalls eine Goldmedaille verdient hätte.


In Auftrag gegeben von der Olympic Delivery Authority, trug der ursprüngliche Entwurf des Aquatics Centre aus dem Jahr 2004 doch dazu bei, das Internationale Olympische Komitee von der Austragung der Olympischen Sommerspiele 2012 in London zu überzeugen. Es ist Bestandteil des Olympic Park Masterplan mit Olympiastadion, Velodrom, Handball- und Basketball-Arenen sowie dem Medienzentrum.

Zahlen, Daten, Fakten

Das Aquatics Center ist ein Mammutprojekt, was sich auch an den Zahlen ablesen lässt: Seit Baubeginn im Juni 2008 waren über 3.600 Menschen an der Konstruktion des Gebäudes beteiligt. Ganze 269 Millionen Britische Pfund hat es verschlungen und war damit das kostspieligste Gebäude im Olympic Park. Über 850.000 Fliesen wurden in den Pools – die übrigens zusammen zehn Millionen Liter Wasser fassen –, auf den Fußböden und in den Umkleideräumen verlegt. Das Aquatics Centre – das über insgesamt 42.000 Quadratmeter Fläche während der Olympischen Spiele und über 20.000 Quadratmeter Fläche in der Nachnutzung verfügt – wurde ein Jahr vor Beginn der Olympischen Spiele am 27. Juli 2011 eröffnet.

Gateway into the Games

Die Schwimmhalle liegt an der südöstlichen Ecke des Olympic Park – begrenzt von einem Fluss auf der einen und Eisenbahnschienen auf der anderen Seite. Zugänglich ist das Gebäude mit dem auffällig geschwungenen Dach über die Stratford City Bridge. Diese bildet gleichzeitig das flache Dach des Trainingsbeckens und stellt einen der Haupterschließungswege zum Olympiagelände dar. Der Olympic Park wird nach dem Ende des sportlichen Großereignisses in ein öffentliches Naherholungsgebiet umgewandelt, das mit 246 Hektar Fläche etwa so groß wie der Londoner Hyde Park ist. Die Transformation stellte die Verantwortlichen vor große technische Herausforderungen, musste der stark kontaminierte Boden doch vor Beginn der Bauarbeiten erst aufwendig gesäubert werden. Zudem wurden elf Industriegebäude abgerissen, dreißig neue Brücken zur Erschließung des Geländes nahe des Stadtteils Stratford konstruiert und 4.000 neue Bäume gepflanzt.

Olympia und danach

Der ursprünglich präsentierte Architekturentwurf wurde im Nachhinein stark modifiziert, so dass während der Olympischen Spiele zwei unansehnliche, kastenförmige Anbauten an Hadids Gebäude mit dem spektakulären Dach angedockt sind. Diese nehmen während der Wettkämpfe bis zu 17.500 Zuschauer auf. Nach dem sportlichen Großereignis und dem Abbau der Anbauten bleibt Platz für 2.500 Zuschauer. Die so entstandenen Lücken zwischen Kernbau und Anbauten werden später mit Glaswänden verschlossen, so dass der Besucher einen schönen Ausblick auf den Park genießen wird. Ursprünglich hatte Zaha Hadid das Dach so weit ausladend geplant, dass es nicht nur die für die Olympischen Spiele zusätzlich benötigten Sitzplätze, sondern auch das Trainingsbecken überdacht hätte. Dieser extravagante Vorschlag wurde aufgrund der hohen Baukosten abgelehnt.

Die perfekte Welle

Unschwer zu erraten ist schon auf den ersten Blick, dass Hadids Entwurf sich dem Thema Wasser widmet. Wellenförmig schwingt sich das trotz der Modifizierung noch immer imposante, aus 3.000 Tonnen Stahl konstruierte Dach über dem Gebäude. Das Büro Ove Arup & Partner zeichnet verantwortlich für die Konstruktion des Gebäudes, das Ingenieure und Architekten vor enorme technische Herausforderungen stellte – nichts Ungewöhnliches bei Zaha Hadids Bauten. Das 160 Meter lange und bis zu 90 Meter breite Dach ruht auf drei Stahlbetonsäulen und ist mit schimmrig-silbernen Aluminiumplatten verkleidet. Es spannt sich über die gesamte Poolfläche und die Zuschauerränge, so dass der Blick auf die wettkämpfenden Sportler von störenden Konstruktionen freigehalten wird. Und auch von außen ist es als Silhouette – gleich gegenüber des Olympiastadions vom Architekturbüro Populous – bereits aus der Ferne auszumachen und gleichzeitig Landmarke des Olympiageländes.

Ode an das gute Design

Das Aquatics Centre verfügt über drei Schwimmbecken von olympischen Wettkampfmaßen. Diese sind auf einer Achse angeordnet. Während das 50-Meter-Trainingsbecken unter einer flachen Decke liegt, befinden sich das Wettkampfbecken mit den 50-Meter-Bahnen und das 25-Meter-Tauchbecken mit den Springtürmen in der von dem wellenförmigen Dach überfangenen Haupthalle. Hier sind es immer wieder die gestalterischen Details, mit denen der Entwurf punktet. So beispielsweise die fünf, verschieden hohen Sprungtürme: Sie scheinen geradezu herauszuwachsen aus dem Betonfußboden. Ihre geschwungene Form stellt zudem Dynamik und eine formale Korrespondenz zum Turmspringen her.

Neben dem wellenförmigen Dach der Haupthalle ist vor allem die Gestaltung des Dachs über dem Trainingsbecken bemerkenswert: Waffelartige Aussparungen transformieren das Betondach zum übergroßen Ornament, während die ansonsten strenge Optik des rektangulären Raums an die Ästhetik der dreißiger Jahre erinnert. In der großen Halle wird hingegen mit starken Kontrasten gearbeitet: Dem kühlen Grau des vorherrschenden Materials Beton werden stark leuchtende Primärfarben wie das Blau der Pools oder das Gelb und Rot der Schwimmbahnmarkierungen entgegengesetzt.

Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, zeigte sich begeistert von Hadids Entwurf: „Ich habe in meinem Leben zwar schon viele Austragungsorte gesehen, aber als ich das Aquatics Centre zum ersten Mal gesehen habe, bekam ich einen regelrechten visuellen Schock. Alles hier ist herausragend: die Harmonie, die Qualität, die Innovation. Ein Meisterwerk!” Zaha Hadid hat übrigens keine Einladung zu den olympischen Wettbewerben im Aquatics Centre erhalten. Sie hat sich ihre Tickets selbst gekauft.


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