Gestreift in Graubünden: Neubau mit Fassade von Daniel Buren

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Text: Tim Berge, Foto: Alexandre Zveiger

Wenn Architektur und Kunst zusammen agieren, besteht das Risiko, dass beide nur als Beiwerk des jeweils anderen wahrgenommen werden und dadurch an Relevanz verlieren. Umso spannender ist es, wenn die Fusion gelingt.

So geschehen in Rossa, einer kleinen Gemeinde in Graubünden. Hier schuf der Architekt Davide Macullo in Kollaboration mit dem französischen Künstler Daniel Buren ein Bauwerk, dem die Synthese aus Haus und Skulptur glückt, da die Kunst zum integralen Bestandteil der Architektur wird.

Es war ein lang gehegter Traum von Macullo, einmal mit seinem Idol Daniel Buren zu kollaborieren. Die Arbeiten des Konzeptkünstlers, die stets aus exakt 8,7 Zentimeter breiten Streifen bestehen, hatten den Architekten früh mit Minimalismus in Berührung gebracht und ihn in seiner eigenen künstlerischen Entwicklung stark geprägt. Mit Hilfe des Pariser Galleristen Mario Cristiani gelang Macullo die Kontaktaufnahme und schließlich konnte er Buren sogar davon überzeugen, gemeinsam ein Haus in seiner Graubündener Heimat zu planen.

Skizzen und Pläne
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Naive Abstraktion
Das Calancatal ist für den Architekten ein fast schon idealtypischer Ort: aufgrund seiner Geschichte, seiner Natur und seiner Bewohner. Es gibt hier keine Neubauten, alles ist alt. Macullo entschloss sich dazu, die lokale Architektur nicht zu imitieren, sondern künstlerisch weiterzuentwickeln und damit an das Wesen der Region anzuknüpfen, die reich an kunsthistorischen Schätzen ist. Der Neubau, von den Gestaltern Swiss House Rossa getauft, steht am Rand des Dorfes und bildet schon aus größerer Entfernung eine starke Zeichenhaftigkeit aus. Die Form deutet zwar Bezüge zur regionalen Giebeldach-Typologie an, dennoch wirkt der Bau wie eine naive, beinahe kindliche Abstraktion seiner historischen Nachbarn. Sein Grundriss basiert auf einem Kreuz, dessen Ecken abgerundet sind. Die Fenster scheinen beliebig in der Hülle verteilt. Nach oben hin abgeschlossen wird der Bau durch eine amorph verlaufende Dachsilhouette, die unregelmäßig auf- und absteigt. Verkleidet ist das Haus mit einer vertikalen Lattung aus unbehandeltem Holz, die dem kreuzförmigen Grundriss folgen.

Freigestellte Holzkonstruktion
An dieser Stelle kommt Daniel Buren ins Spiel, der für die weißen Streifen auf der von Grün nach Rosa wechselnden Fassade verantwortlich ist. Die Farbigkeit ist ebenfalls ein Symbol: Das helle Grün soll an das Gras des Tals erinnern, das leuchtende Rosa an die Sonnenuntergänge im Sommer und Wildblumen, die in der Berglandschaft wachsen. Die diagonale Aufteilung der Farben wiederum ist eine Anspielung auf den Verlauf der umliegenden Berge. Doch anders als bei einer Kunst-am-Bau-Installation sind die Latten nicht einfach nur ein temporäres, schön anzusehendes Beiwerk, sie sind Teil der Gebäudestruktur. Diese wird im Inneren als offen einsehbare, unbehandelte Holzkonstruktion freigelegt. Die Kunst bleibt draußen. Dennoch bietet das Gebäude eine spannende räumliche Teilung in zwei, horizontal voneinander getrennte, Abschnitte und in verschiedene Split-Level, die allein über Holzleitern und Treppen erreichbar sind. Struktur, Skulptur und Symbolhaftigkeit gehen im Swiss House Rossa eine aufregende Synthese ein.

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