Geysir der Sinne - Jean Nouvels Torre Agbar in Barcelona

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Text: Norman Kietzmann

Mit dem „Torre Agbar“ in Barcelona inszenierte der französische Architekt Jean Nouvel eine ungewöhnliche Art von Wolkenkratzer: Statt technisch funktional gibt sich das 142 Meter hohe Bauwerk leidenschaftlich farbig und changiert in seiner Erscheinung je nach Blickwinkel, Lichteinfall sowie Tages- und Jahreszeit. Dieser Ansatz überzeugte auch die Jury des diesjährigen Internationalen Hochhaus Preises, die Nouvels Entwurf zum Turm des Jahres wählte.
In feurigem Rot beginnt die Außenhaut bereits auf Straßenniveau zu flimmern und reißt den Blick nach oben, hinauf in Richtung der Spitze, wo sie sich in schimmernden Blau- und Weißtönen mit dem Azur des Himmels vereint. Das Hochhaus gleicht einem riesigen Geysir, der sich stolz und mächtig über die Skyline der Stadt erhebt. Das Sinnbild von Wasser und Bewegung prägt die gesamte Erscheinung des Gebäudes, das sich knapp ein Jahr nach seiner Eröffnung bereits zu einem neuen Wahrzeichen der Stadt entwickelt hat. Mit seinen 142 Metern Höhe und 38 Etagen unterschreitet der Torre Agbar knapp die in Barcelona zulässige Höchstgrenze, die von den beiden zur Olympiade 1992 errichteten Türmen am Port Olympic markiert wird. Die Fassade ist der Star des Gebäudes. Mit kräftigen Farben, die im wintergrauen Deutschland wohl eher befremdlich wirken würden, setzt sie einen deutlichen Akzent im Stadtbild und passt sich dennoch in das mediterrane Umfeld der katalanischen Metropole ein. Das Farbthema verweist zugleich auf den Hauptnutzer des Gebäudes, die städtischen Wasserwerke Sociedad Generale de Aguas de Barcelona, deren Kurzform zum Namensgeber des Turms geworden ist.
Ermöglicht wird die Gestaltung der Außenhaut durch die ungewöhnliche Konstruktion des Gebäudes: Entgegen der üblichen Bauweise entschied sich Nouvel nicht für eine Vorhangfassade aus Glas, sondern bevorzugte eine tragende Hülle aus Beton. Diese wird von 4400 quadratischen Fenstern durchlöchert, deren Anordnung von Etage zu Etage variiert und keinem festen Muster folgt. Die für die Statik beauftragten Ingenieure stellte dies vor neue Herausforderungen, denn eine tragende Mauer, die klassischerweise vom Boden bis zur Decke durchreicht, gibt es hier nicht mehr. Jedes Stockwerk musste im Zusammenhang mit der gesamten Fassade berechnet werden, was einen enormen Aufwand bedeutete. An dieser Stelle stand die Technische Universität von Barcelona den Planern zur Seite und entwickelte ein Computerprogramm, mit dessen Hilfe sich statische wie hydro- oder aerodynamische Probleme sicher und schnell berechnen ließen. Der Bau des Turmes konnte somit täglich auf mögliche Belastungen überprüft und die Auswirkungen unterschiedlicher Fensterkonfigurationen erprobt werden. Verkleidet wurde die Außenseite der Betonfassade mit quadratischen Aluminiumplatten, deren Ausmaß denen der Fenster entsprechen. Mit 40 verschiedenen Farbtönen, die von erdigem Braun über Rot, Blau, Grau und schließlich Weiß wechseln, geben sie dem Gebäude sein charakteristisches Aussehen und lassen die 16.000 Quadratmeter Fassadenfläche weich und differenziert erscheinen. Umgeben werden sie von einer weiteren Schicht aus 60.000 Glaslamellen, die teils transparent, teils transluzent ausfallen und sich in unterschiedlichen Winkeln vom Gebäude herabneigen. Mit aufsteigender Höhe des Turmes beruhigen sie die Farbigkeit der Aluminiumpanelle und steigern zugleich den schimmernden Effekt, den die akzentuierte Anordnung der Fenster bereits vorgibt.
Himmel und Hölle
Die Aufteilung des Gebäudeinneren folgt hingegen eher traditionellen Mustern: Im Sockel befinden sich die öffentlichen Bereiche sowie ein großer unterirdischer Sitzungssaal. In den darüber liegenden Etagen sind die Büros der Angestellten untergebracht. In den obersten fünf Etagen schließlich sitzt die Führungsebene des Unternehmens. Sie sind nicht mehr an der Fassade des Turms befestigt, sondern werden von dem zentralen Versorgungskern getragen, der leicht zur Gebäudemitte versetzt ist. Weiß und Transparanz dominieren hier die Fassadengestaltung und bilden einen deutlichen Kontrast zur farbigen Stimmung der darunter liegenden Etagen. Als Höhepunkt schließt das Gebäude über der 35. Etage mit einer Kuppel ab und erzeugt einen Raum mit geradezu sakralem Charakter.
Auch im Inneren des Gebäudes setzt sich die gepixelte Fassade als Leitmotiv fort. Freigestellte Glaskuben, geschlossene und aufklappbare Fenster, Rasterdecken mit integrierter Beleuchtung sowie modular zusammengesetzte Teppiche in zwölf verschiedenen Farbtönen spiegeln Struktur und Farbe der Fassade wider. Reflexionen von glänzenden Decken und Fußböden verlängern die Außenhaut und lösen die Raumgrenzen ins Immaterielle auf. Das Fließen des Wassers wird somit auch im Inneren des Gebäudes erlebbar. Fast so als höre man den Geysir rauschen.
Internationaler Hochhaus-Preis
Der mit 50.000 Euro dotierte Internationale Hochhaus-Preis wird von der DekaBank gestiftet und in diesem Jahr zum zweiten Mal von der Stadt Frankfurt verliehen. Die Verleihung findet in Anwesenheit von Jean Nouvel am 17. November in der Frankfurter Paulskirche statt. Neben dem „Torre Agbar“ wurden noch vier weitere Anerkennungen ausgesprochen, die allesamt an Wohnhochhäuser gegeben wurden. Neben Santiago Calatravas 190 Meter hohem „Turning Tower“ in Malmö wurden der 106 Meter hohe Wohnturm „Wienerberg“ von Degulan Meissl Associated, das 152 Meter hohe „Montevideo“ in Rotterdam von Mecanoo Architecten sowie das 100 Meter hohe Mischnutzungsprojekt „Jian Wai Soho“ in Peking von den japanischen Architekten Riken Yamamoto & Field Shop erwähnt. Gezeigt werden alle Entwürfe im Rahmen der Ausstellung „High Society“, die ab dem 19. November bis zum 11. Februar 2007 im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt zu sehen ist.
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