Gin Tonic mit den Feuersteins

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Text: Norman Kietzmann


Der belgische Designer Arne Quinze ist derzeit in aller Munde. Weniger jedoch wegen seiner gestalterischen Qualitäten,  als vor allem wegen seiner bevorstehenden Hochzeit mit seiner Verlobten Barbara Becker. In Köln eröffnete Quinze unterdessen im November 2008 die neue Kunstbar gegenüber dem Alten Wartesaal. Das Ergebnis: Eine digitalisierte Steinzeithöhle mit Treibgut-Mobiliar.


Eines muss man Arne Quinze unbestritten zugestehen: Er hat es als derzeit einziger Produktdesigner auf die Titelseiten von Gala und Bunte geschafft, die diese „Ehre“ bisher selbst internationalen Größen wie Philippe Starck oder Marc Newson vorenthalten haben. Kommen Designer nun womöglich ganz groß raus? In deutschen Medien zumindest, wo Designer und Architekten außer in den Fachblättern selbst in den Feuilletons der großen Zeitungen kaum eine Rolle spielen – ganz im Gegensatz im Übrigen zu allen anderen Kulturnationen Europas – überrascht diese unverhoffte Aufmerksamkeit umso mehr.

Neues Glamourpaar

Doch natürlich gilt das Interesse der bunten und weniger bunten Blätter keinesfalls Arne Quinzes Design – wie sollte es auch anders sein – als vielmehr ganz anderen und nebenbei gesagt auch deutlich amüsanteren Qualitäten: Seiner Liaison mit Ex-Tennis-Spieler-Gattin und Jet-Set-Ikone Barbara Becker. Der Künstler-Designer, der aus bunten Brettern und Nägeln zusammengebaute Skulpturen in Flammen aufgehen lässt und die „berühmteste Ex-Frau Deutschlands“ („Gala"), die sich nebenbei als Schauspielerin und Modedesignerin ebenfalls in kreativen Disziplinen versucht, sind das Traumpaar des deutschen Boulevards. Als im Dezember 2008 nach der offiziell gewordenen Verlobung auch noch Lenny Kravitz und Udo Walz (sic!) als Trauzeugen zugesagt haben, war die Kombination aus internationalem Glamour und deutscher Provinz perfekt. Überlassen wir deren Beobachtung geruhig den Paparazzi, nehmen wir an dieser Stelle stattdessen eines der wenigen Interieurprojekte von Arne Quinze unter die Lupe, das nun sogar in Deutschland bestaunt werden kann: Die neue Kölner Kunstbar gegenüber des Alten Wartesaals, nur einen Steinwurf weit vom Dom und Hauptbahnhof entfernt.

Bar im Wandel

Initiiert vom Kölnischen Kunstverein, der derzeit rund 1700 Mitglieder umfasst, soll die Bar zu einem neuen nächtlichen Treffpunkt für die Kunst- und Medienszene der Stadt werden. Insgesamt vier Jahre Planungszeit sind seit der ersten Idee bis zur Eröffnung der Bar im November 2008 verstrichen. Als Teil der Neugestaltung der Kölner Domplatte konnte dem unwirtlichen Bahnhofsvorplatz dabei ein 174 Quadratmeter großer Raum abgerungen werden, der sich mit seinem langgezogenen Grundriss bis unter die neue Freitreppe der Domplatte erstreckt. Wahrend mit der Architektur der Bar und ihrer markanten gläsernen Fensterfront, die von Hans Jörg Pryzgoda und dem Kölner Architekturbüro „pH-129“ gestaltet wurden, ein fester baulicher Rahmen entstand, ist der Innenraum einem kontinuierlichen Wandel gewidmet. So soll die Bar in jedem Jahr von einem anderen Künstler oder Gestalter neu eingerichtet werden – vom Interieur bis zu den angebotenen Getränken. Die Gestaltung soll außer einem vorgegebenen Budget keinerlei Vorgaben oder Einschränkungen unterliegen und Aspekte wie Licht, Farbe, Ton, Musik, Malerei, Foto oder Video bewusst mit einbeziehen.

Stilistischer Neustart


Dass für die Erstbespielung ausgerechnet Arne Quinze gewonnen wurde, muss dem Kölnischen Kunstverein als überaus gelungener PR-Schachzug angerechnet werden. Zumal die kurz nach der Eröffnung der Bar publik gewordenen Hochzeitspläne des Paares die Aufmerksamkeit von Medien und Öffentlichkeit zusätzlich angeheizt hatten. Quinze, der in den vergangenen Jahren immer wieder sein Image als „bad boy“ mit Straßenkind-Vergangenheit verfeinerte, hat sich mit der Kunstbar sogar ein Stück weit neu erfunden: Weder finden sich seine aus tausenden von bunten Holzlatten zusammengesetzten Installationen, die er im Auftrag verschiedener Kunststiftungen in den vergangenen Jahren in Brüssel, Paris oder München errichtet hat oder wie 2006 während des „Burning Man Festivals“ in der Wüste von Nevada sogar in Flammen aufgehen ließ. Auch seine minimalistischen Sitze aus Polyurethanschaum, mit denen er sich seit der Gründung seines Design-Studios im belgischen Kortrijk 1999 international einen Namen gemacht hat, sucht man in der Kunstbar vergeblich.

Archaische Bretterbude


Stattdessen empfangen die Gäste seltsam archaische Fellbezüge, die über zwei sich gegenüber stehende Stuhlreihen gehangen wurden und den Eindruck einer modernen Steinzeithöhle vermitteln. Die scheinbar zufällige Anordnung von Bildschirmen entlang der schwarz gestrichenen Längstseite des Raumes macht die „Mad Max“-Stimmung zusehends perfekt. Auf diesen flimmert in ständiger Wiederholung die ebenfalls von Quinze entwickelte Videoinstallation „EYE.C.U.“, die in Anspielung auf die unmittelbare Nachbarschaft zum Dom das imaginäre religiöse Auge durch eine digitale und kosmetisch aufbereitete Version ersetzt. Auch die Bar kommt nicht als gestylter, futuristischer Korpus daher, sondern besteht aus mehreren großen Holzkisten, die normalerweise für den Transport von Kunstwerken zum Einsatz kommen. Quinze sieht in ihnen ebenfalls eine Metapher für die Kirche, die nicht preisgibt, was in ihrem Inneren vorgeht – wenngleich diese Erklärung zugegebenermaßen reichlich an den Haaren herbeigezogen klingt. Das berühmte Weinglas-Piktogramm, das normalerweise auf die Zerbrechlichkeit von Paketinhalten hinweist, wird hier zum Erkennungslogo der Bar umfunktioniert und von Außen an die hölzernen Kisten gepinselt. Auch der DJ-Pult gleich neben dem Eingang sowie die zahlreichen im Raum verteilten Tische folgen dem Konzept und setzen sich ebenfalls aus hölzernen Transportkisten zusammen.

Keine neun Monate mehr

Was wird bleiben von dieser Bar? Liegt die Zukunft des kultivierten Ausgehens in einer wiederentdeckten, digitalisierten Steinzeit? Sind hölzerne Sperrholzkisten die womöglich einzige Antwort auf den Klimawandel und weltweit kollabierende Finanzmärkte? Und vor allem: Wird aus jeder leeren Schachtel fortan automatisch eine Kritik an Papst und Kirche? Arne Quinze jedenfalls hat mit diesem Projekt die Bar nicht neu erfunden, doch ein Stück weit vielleicht sich selbst. Denn was kommt nach den bunten hölzernen Ungetümen, die er derzeit so gerne für die Kunstwelt baut? Soll er für immer und ewig in den Untiefen von „Gala" verschwinden? In Köln jedenfalls hat er sich auf seine Ursprünge als Designer zurückbesonnen und einen vielleicht nicht außergewöhnlichen aber doch in seinem Pathos zumindest überaus amüsanten Raum geschaffen, der für die Stadt eine Bereicherung ist. Gewonnen hat Köln mit der neuen Kunstbar unterdessen so oder so. Denn auch wer mit der derzeitigen Gestaltung partout keinen Frieden schließen kann, darf sich zumindest sicher sein: Keine neun Monate mehr, bis die Bar im November 2009 in neuer Gestalt eröffnen wird.





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