Gleichgewicht der Gegensätze

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Text: Nina C. Müller
Foto: Ben Hosking

Während auf unserer Seite der Erdkugel die Temperaturen auf den Tiefpunkt sinken, schießen sie auf der südlichen Hemisphäre in die Höhe. In Down Under zeigt das Thermometer dieser Tage mancherorts Temperaturen um die vierzig Grad. Wer mit solchem Extremwetter zu tun hat, braucht besondere Lösungen – vor allem in der Architektur. Für ein Wohnhaus im australischen Melbourne entwarfen die Planer von Edition Office einen außergewöhnlichen Vorhang, der sowohl im Sommer wie im Winter für klimatisches Wohlgefühl sorgt.

Die Liste an Auszeichnungen der Architekten von Edition Office ist lang. Das mag viele Gründe haben. Einer aber ist sicherlich ihr ungewöhnlicher Modellbau. Aus simplen Materialien wie Metallblech, Holz oder Stein werden erste Ideen zu bemerkenswerten Architekturen mit archetypischen Formen und poetischen Materialkombinationen.

Harmonie der Widersprüche
Auch das Hawthorn House, das die Planer nach seinem Stadtteil in Melbourne benannten, basiert auf einem schlichten Modell, das einen Wechsel aus Offen- und Geschlossenheit andeutet und scheinbare Widersprüche in ein Gleichgewicht bringt. „Das Haus ist bürgerlich und häuslich zugleich, abgeschottet und offen, exponiert und privat, schwer und doch überraschend leicht“, erklären die Architekten. Möglich werden die gegensätzlichen Eigenschaften durch den Einsatz mehrerer Dualitäten. Zum einen besteht der Wohnbau aus zwei separaten Einheiten, die lediglich durch den Garten verbunden werden. Zum anderen sahen die Architekten eine deutliche Trennung der zwei Geschosse beider Bauten vor.

Was im Modell noch in Metall umgesetzt ist, sind in den fertigen Bauten zwei Schalen aus Beton. Wie eine Glasur umschließen sie die oberen Stockwerke mit Bade- und Schlafzimmern vollständig. Lediglich einige seitliche, nur nach oben geöffnete Auskragungen ermöglichen den Blick auf umliegende Baumkronen und Himmel. Nach unten hin, wo Wohn-, Ess- und Kochbereich angesiedelt sind, spannen sich ihre Betonwände bogenförmig auf. So entstehe vor üppiger Gartenkulisse der Eindruck eines großen Freilufttheaters, kommentieren die Architekten. Tatsächlich muten die Betonwände vor den großen Panoramafenstern wie ein gespanntes Textil oder wie ein sich öffnender Vorhang an, der Innen- und Außenbereichen einen spannungsreichen, fast dramatischen Effekt verleiht.

Warme Wintersonne
Durch die Öffnungen nach allen Seiten wird eine Querlüftung ermöglicht, die das Haus in den Sommermonaten natürlich kühl hält. Außerdem nutzen die Architekten die thermischen Eigenschaften des Betons sowie die Energie der Sonne für die Temperierung der Innenräume. Verglasung und äußere Betonschalen sind versetzt, um der Nordfassade eine passive Traufe zu verleihen. „Dadurch kann die Wintersonne in den Wohnraum fluten. Im Sommer wird einer starken Wärmebelastung entgegengewirkt“, sagt das Team.

Doch auch die ästhetischen Charakteristiken des Kunststeins schöpfen die Planer voll aus. Sie kombinieren die rohen Betonwände mit Holz und anthrazitfarbenen Kacheln und setzen so auf eine subtile Materialpalette. Das lässt die vielen Pflanzen im Innen- und Außenbereich zur Geltung kommen und betont die ausgeklügelten Details. Wer genau hinsieht, entdeckt nicht Texturen und Maserungen, sondern auch geschwungene Formen in Möbeln, Wänden und Fenstern.

Ein ganz besonderes Element bildet die Einzäunung des Grundstücks.  Dort finden die grob gesägten Schalungsbretter, die für die Herstellung der Betonwände genutzt wurden, eine neue Verwendung. „Damit setzt sich derselbe Charakter der Betonpavillons auf dem gesamten Gelände fort“, sagen die Planer. So gelang ihnen mit dem Hawthorn House eine überraschend konsequente Formensprache, die noch immer die Essenz einer ersten Idee trägt.

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